Vor zwei Jahren wählte eine internationale Jury von Golfjournalisten Tschechien zur «unentdeckten Golfdestination des Jahres». Die auf den ersten Blick etwas mysteriöse Auszeichnung kam bei den Tschechen aber gut an und motivierte sie offenbar, noch mehr Zeit und Energie in den Golfbereich zu investieren.
Dazu muss man wissen, dass Golf in Tschechien Tradition hat. Bereits Ende des 20. Jahrhunderts tauchten auf der so genannten Kaiserwiese bei Prag die ersten Golfer auf. Der erste Platz wurde 1904 in Karlovy Vary (früher Karlsbad) gebaut, der nächste folgte ein Jahr später in Marienbad – eröffnet wurde er übrigens vom englischen König Edward VII. Die Courses verdankten ihre Existenz dem wachsenden Interesse der Kurgäste an dieser Sportart. Eine Form von «Evolution», die uns Schweizern bekannt vorkommen dürfte …
40 000 Tschechen golfen
Heute ist Golf ein wichtiger Faktor für den tschechischen Tourismus, und mittlerweile gibt es im Land über 80 Golfplätze, 20 davon allein in Prag und Mittelböhmen. Der eigentliche Aufschwung begann mit den politischen Veränderungen vor zwanzig Jahren, welche den Zufluss von ausländischen Investitionen erleichterten. Investiert wurde in Anlagen von hoher Qualität, oft verbunden mit hervorragenden Übernachtungsmöglichkeiten und einem adäquaten Wellnessangebot.
Um den neuen Tourismuszweig beste Wachstumschancen zu sichern, wurde die Czech Golf Travel Association gegründt, eine spezialisierte Incoming-Agentur. Heute ist Golf in Tschechien bereits die Sportart Nummer 8 und wird von über 40 000 in Clubs oganisierten Menschen betrieben. Immerhin dreissig Prozent davon sind Frauen. Vor zwanzig Jahren waren es insgesamt gerade mal 800 Golferinnen und Golfer. Wo die Entwicklung hinführen und wie sie verlaufen wird, weiss aber niemand.
Ypsilon, der Preisgekrönte
Liberec, die erste Station unserer Reise, ist Schweizern wohl eher als Austragungsort der nordischen Ski-WM 2009 denn als Golfdestination bekannt. Andreas Küttel gewann hier Gold auf der Grossschanze, und der Langläufer Dario Cologna brillierte mit einem 4. und einem 6. Rang.
Ganz in der Nähe dieser rund eineinhalb Autostunden nördlich von Prag gelegenen Stadt wurde 2002 ein Golfplatzprojekt namens Ypsilon gestartet – hineingebaut in eine weitgehend unberührte Natur. Im Mai 2006 wurde der Platz offiziell eröffnet und von den Lesern des tschechischen «GolfDigest» gleich zum Golfplatz des Jahres gekürt, eine Auszeichnung, die das Resort im Folgejahr gleich nochmals «abholte». Unverdient ist sie sicher nicht: Die 18-Loch-Anlage ist als Meisterschaftsplatz konzipiert und mit guten Trainingsanlagen ausgestattet.
Das hüglige Gelände fordert von den Golferinnen und Golfern auch ein bisschen Kondition, aber in erster Linie volle Konzentration auf der ganzen Runde. Immer wieder kommt ein Wassergraben oder eine Senke ins Spiel, die man besser umspielt. Zum Zeitpunkt des Besuches stand das natürliche Rough teilweise sehr hoch, doch sind Bälle, die darin landen, an den meisten Orten noch gut zu finden.
Besonders beeindruckend die bergauf führenden Par-4-Löcher. Der Engländer Keith Preston hat es verstanden, diese unter Einbezug der Natur äusserst interessant zu gestalten. Das beste Beispiel dafür ist Loch Nummer 9. Vom gelben Tee aus säumt bis etwa 160 Meter links und rechts Wasser das Fairway, dann lauern grosse Bunker, und schliesslich verlangt ein gut geschütztes, hoch gelegenes Green einiges an Taktik und Spielqualität.
Aber auch die «flachen» Löcher überraschen durch zahlreiche natürliche Hindernisse. Etwa bei der 15, einem mittellangen Par 5: Eine grosse Biotopzone und eine mächtige Birke verlangen nach taktischem Spiel. Die noch jungen Greens sind allesamt sehr gut.
Natürlich ist die Fahrt von Prag nach Liberic etwas lang. Aber sie lohnt sich. Zudem kann auf dem Hin- oder Rückweg noch ein Abstecher zum Jested-Turm eingebaut werden, einem herrlichen Aussichtspunkt mit Sicht über halb Böhmen, der auf einer kleinen Naturstrasse oder mit der Luftseilbahn zu erreichen ist.
Konopiste, der mit 36 Loch
Im Gegensatz zum Ypsilon-Resort ist das Golf Resort Konopiste nur gerade mal dreissig Minuten von Prag entfernt. 2002 eröffnet und 2004 auf 36 Löcher plus
9-Loch-Public-Course ausgebaut, verfügt die Anlage über alles, was das Golferherz begehrt. Beeindruckend ist auch das Clubhaus, ein schön restauriertes Schloss aus dem 14. Jahrhundert, das auch als Hotel dient.
Der Radetzky-Platz, der beliebtere der beiden Courses, fällt durch seine fünf verschiedenen Abschläge auf. Sie erlauben es Golfern aller Kategorien, die angemessene Herausforderung zu finden. Der Platz ist in eine leicht hüglige, stark bewaldete Gegend gebaut und beeindruckt mit vielen Wasserhindernissen, Bunkern und ondulierten Greens. Seinen Namen verdankt er Graf Radetzky, bekannt für den nach ihm benannten Marsch von Johann Strauss, der traditionell am Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker gespielt wird.
Merkmal des 2004 eröffneten d’Este- Platzes ist das Inselgrün auf der 9, das abwärts nicht ganz leicht anzuspielen ist. Dieser Platz wurde benannt nach Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich-Este, der beim Attentat von Sarajevo zusammen mit seiner Frau ums Leben kam, was als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt.
Mehr Aufmerksamkeit als das Inselgrün verdienen die Löcher 5, 6 und 7, die taktisch einiges abverlangen. Dasselbe gilt für die 14, ein scharfes Dogleg, das zum Angriff verleitet. Interessant auch das Schlussloch, wo der Schlag aufs links und rechts durch Wasser geschützte Green ziemlich steil abwärts gespielt werden muss. Am Baumbestand auf einem Grossteil des Platzes merkt man, wie jung der gut gepflegte Course noch ist.
Karlstein, die Challenge
Eine Premiere erlebte die Journalistengruppe im Golfresort Karlstein, nur 15 Kilometer von Prag entfernt: Ihre Mitglieder konnten als Erste die eben fertig gestellten dritten neun Löcher spielen, die Mitte Juni offiziell eröffnet wurden. Diese neuen Löcher unterscheiden sich deutlich von den «ersten» 18 – nicht nur, weil man auf ihnen das namengebende Schloss nie sieht. Sie dürfen ohne Übertreibung als schwierig eingestuft werden, da sehr viel in Hanglagen gespielt werden muss und mehrere Löcher ausgesprochen lang sind. Wesentlich weiter und flacher sind die Fairways der ersten 18 Löcher. Das von vielen Stellen aus sichtbare Schloss beeindruckt genauso wie die Anlage selbst. Kein Wunder, war hier auch schon die PGA Tour zu Gast. 1997 gewann Bernhard Langer das Turnier.
Die an einem sanften Hang gebaute, grosszügige Anlage ist sehr abwechslungsreich und führt teilweise durch geschützte Gebiete mit vielen seltenen Pflanzen und Tieren. Wer den Platz spielen möchte, tut gut daran, sich rechtzeitig anzumelden. Wegen der Nähe zur Stadt finden zahlreiche (Kunden-)Turniere statt. Deshalb wurden auch die dritten Neun gebaut.
Pilsen, der Beste 2008
Dass die Leser des tschechischen «GolfDigest» etwas von Golf verstehen, bestätigte sich beim Besuch des Golf Park Pilsen. Er wurde 2008 zum besten Golfplatz Tschechiens gewählt und trägt seinen Titel und seinen Namen durchaus zu Recht. Es ist ein sehr gut gepflegter Parklandcourse mit vielen Birken und Erlen, ganz im englischen Stil. Kein Wunder: Die Greenkeeper wurden in Royal Birkdale ausgebildet.
Auch das Layout ist britisch angehaucht, liegen doch nur Loch 1 und 18 direkt beim Clubhaus. Das «Halfway-House» allerdings folgt bereits auf Grün 8, ist aber deshalb nicht minder gemütlich. Die interessantesten Löcher sind sicher die 11 mit ihrem Inselgreen und die 16. Das Inselgreen liegt, völlig dem Wind ausgesetzt, nahe am Ufer des grossen Ejpovice-Sees. (Keiner der Journalisten kam ohne «Wasserball» davon …) Bei Loch 16 wird von einer Anhöhe ins Tal hinunter abgeschlagen, was an sich kein Problem darstellt. Aber je nachdem, wo der Drive landet, ist das Anspielen des Greens schwierig, denn der Eingang ist sehr schmal.
Erbaut wurde der Golfpark Pilsen 2003, ein Jahr später wurde er eröffnet. Beeindruckend ist auch hier das historische Clubhaus mit dem grosszügigen Restaurant und einem alten Weinkeller. Aber auch die Trainingsmöglichkeiten und das angegliederte Hotel mit 14 Zimmern verdienen gute bis sehr gute Noten. Zudem ist der ganze Komplex in einem ehemaligen Kornspeicher untergebracht und versprüht entsprechendes Flair.
Schön – und teuer …
Wer in Böhmen Golf spielt, begibt sich in eine von Touristen gern besuchte Region. Zu dieser Popularität haben auch die vielen kulturellen und historischen Stätten der Gegend beigetragen. Auf relativ kleiner Fläche wird so viel an Attraktionen geboten, wie sonst kaum irgendwo im Land. Allein Prag mit dem historischen Zentrum an den beiden Ufern der Moldau ist immer eine Reise wert. Der zum Weltkulturerbe der Unesco gehörende Stadtteil ist absolut sehenswert. Aber es ist auch das teuerste Viertel der Stadt. Für die Einwohner Prags ist es schier unerschwinglich, sich hier mit Artikeln des täglichen Bedarfs einzudecken. Aber auch clevere Touristen halten sich im Quartier zurück …
Es lohnt sich übrigens, sich in Prag von einem Führer begleiten zu lassen. Allerdings sollte man diesem deutlich zu verstehen geben, dass man lieber die verborgenen Schönheiten der Stadt sehen möchte als jene entlang der ausgetretenen Touristenpfade. Natürlich gehören der Gang über die Karlsbrücke, der Besuch des Schlosses und der St.-Vitus-Kathedrale zu den absoluten Musts auf dem Stadtrundgang. Nur: Auch hier gibt es Wege, die einem einen ganz neuen Blickwinkel auf diese kultur-historischen Schätze eröffnen.
Bitte ein Pilsner!
Tschechien und Bier, das ist für viele Menschen beinahe eine Einheit. Und die Tschechen sind denn auch stolz auf ihr Bier, oder besser gesagt: auf ihre Biere. Unzählige kleine und kleinste Brauereien stellen ein Bier her, das – so die Kenner – zu den besten der Welt gehören soll (der Berichterstatter trinkt lieber Wein …). In Pilsen wurde einst an 257 Bürgerhäuser das Braurecht verliehen.
Von vielleicht 90 Prozent der Bevölkerung – quer durch alle Schichten – wird Bier als das Nationalgetränk bezeichnet. Die tschechischen Brauereien produzieren jährlich über 20 Millionen Hektoliter des Gerstensaftes, fast zwanzig Prozent davon werden exportiert.
Beim Ausflug in den Golf Park Pilsen lohnt sich auch der Abstecher zur weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Pilsner-Urquell-Brauerei. Wie viele andere Brauereien ist Pilsner Urquell bestens auf Besucher vorbereitet. Gut organisierte und informative Führungen geben einen tiefen Einblick in die Geschichte des Biers bis hin zur heutigen, vollautomatisierten Herstellung.
Im zugehörigen Gasthaus gibts übrigens ein Angebot, dem man kaum widerstehen kann: "Drink and eat as much as you can". Da werden lokale und regionale Spezialitäten -meistens recht deftige-aufgetischt, was das Zeug hält. Für unsere Journalistenrunde allerdings war bereits nach drei Gängen Schluss. Keiner brachte mehr ein Bissen runter. Und das, obwohl neben dem selbstgezapften Bier auch ein feines Glas Rotwein aus Südmoravien kredenzt wurde...
Lage
Tschechien kam erst 1993, nach der Teilung der früheren Tschechoslowakei, auf die politische Landkarte. Tschechien hat rund 10 Mio. Einwohner, grossmehrheitlich Tschechen. Keine Zeitverschiebung.
Klima
Grundsätzlich ähnlich wie in der Schweiz. Die Golfsaison dauert von Ende März bis in den Oktober.
Preise
Grand Hotel Bohemia , Superior Doppelzimmer ab EUR 145 mit Frühstück. Zimmergrösse ist ca. 20m².
Anreise
Am einfachsten mit dem Flugzeug. SWISS und Czech Airlines fliegen fünf Mal am Tag ab Zürich. Wer eiserne Nerven und ein Navigationsgerät hat, kann einen Wagen mieten. Er muss sich aber auf eine weit aggressivere Fahrweise als in der Schweiz gefasst machen. Sämtliche Wegweiser sind nur auf Tschechisch angeschrieben. Eine andere Möglichkeit: Man schliesst einen Vertrag mit einem Taxiunternehmen für die ganze Aufenthaltsdauer.
Infos
www.ygolf.cz
www.gcko.cz
www.karlstejn-golf.cz
www.golfplzen.cz
www.austria-hotels.at/cz/grand-hotel-bohemia
www.CzechTourism.com
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Autor: Hannes Huggel (Text & Fotos)