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STILNOTE 6 Christoph Kummer war Teaching Pro im GC Blumisberg.

Rock'n'Hole! Alles Cross – oder was?

Heisse Challenges, ein cooles Ambiente und viel Fun – das machte die 2. Schweizer Meisterschaft im Crossgolf zu einem megakrassen Event. Austragungsort war der Bernapark, eine ehemalige Kartonfabrik in Deisswil bei Bern.

Auch Loch 6 ist ganz schön tricky: Die Abschlagmatte liegt auf dem Dach eines Kleinbusses, und der Drive, idealerweise ein Fade, muss in einen Durchgang zwischen zwei Fabrikhallen platziert werden. Nur dann öffnet sich der direkte Weg zum Hole, ­einem aufgeklappten, weissen Kugelgrill in Golfballdesign. Bälle, die einen Teil des Geräts touchieren, gelten als ein­gelocht. Wer den Ball so in die Alu-­Halbkugel setzt, dass er drin liegen bleibt, darf einen Bonuspunkt notieren. Wer nach zehn Schlägen immer noch um den Grill oder ein anderes «Hole» rumgurkt, muss den Ball aufnehmen und sich für dieses Loch eine 11 schreiben.
 
Oliver Dombrowsky ist zwar mittlerweile in Schlagdistanz angekommen, hat aber aufgehört zu zählen. Ein verlorener und ein unspielbarer Ball haben ihn aus dem Rennen genommen. «Es macht zwar unglaublich Spass», sagt der Chef der Prime Golf AG, die unter anderem in Köniz bei Bern eine Indooranlage betreibt. «Aber einige dieser Golflöcher in Anführungszeichen können auch ganz schön an die Nerven gehen.»

Neun solcher Cliffhanger, alle zwischen 30 und 175 Meter lang, haben die Veranstalter im Bernapark angelegt, dem Areal einer ehemaligen Kartonfabrik in Deisswil bei Bern. «Bei der Kurssetzung hatte die Sicherheit oberste Priorität», sagt Didi Keller, Präsident des OKs und der Association Suisse de X-Golf (asXg, siehe Text unten). «Aber dann ging es uns natürlich auch darum, mit technischen und taktischen Knacknüssen das Können der Teilnehmenden wirklich zu testen.»

PRÄZISION UND FEINGEFÜHL
Knacknüsse, an denen auch die «echten» Golfenden unter den insgesamt 55 Crosserinnen und Crossern zu beissen haben. Felix Meier, bekannt als «Mr. Strokesaver» und Mitglied im GC Hittnau (Handicap 5.3), bewältigte den Parcours zwar in 39 Strokes und wurde bei seinem erst zweiten Ausflug in die Welt des Urban Golfs auf Anhieb Vierter, sagt aber: «Da war viel Glück dabei.»

Glückliche, oder eben unglückliche Bounces, so Meier, würden sich auf diesen Pisten stärker auswirken als auf einem «normalen» Golfplatz. «Wenn du hier Pech hast, wird der Ball schnell mal unspielbar.» Speziell ist auch der Ball selbst. Im X-Golf wird mit einer Kugel gespielt, die nur etwa ein Drittel so schwer ist wie ein normaler Golfball. «Das beeinflusst natürlich die Flugeigenschaften», sagt Meier. «Die Bälle steigen zwar enorm in die Höhe, machen aber wenig Weite. Das ist nicht weiter schlimm, denn die Bahnen sind ja kurz. Aber als Golfer musst du erst mal neu rausfinden, wie weit jeder Club mit diesen Bällen geht.»

Präzision und Feingefühl sind auch im Bernapark das A und O, denn auf diesem Parcours lauert das Böse immer und überall, und schon kleinste Blackouts können eine Scorekarte ziemlich spoilern. Apropos Scorekarte: Wie gut man mit diesen verschärften Bedingungen umgehen kann, beweisen die Cracks des Tages, allen voran der spätere Sieger Samuel Steiner. Der Ostschweizer, der im richtigen Leben Solarpanels montiert, meistert den «Bernapark Championship Course» in gesamthaft 33 Schlägen oder im Schnitt 3,66 Schlägen pro Loch.

Mit dieser Performance hat sich Steiner – wie elf andere Topplatzierte – für die 4. Europameisterschaft qualifiziert, die am 16. September im tschechischen Prag stattfindet. Gerade noch ins Team geschafft hat es Steiners Vorgänger auf dem Meisterthron, der Thurgauer Claudio Holenstein. «Das tröstet mich ein bisschen darüber hinweg, dass ich heute einen schlechten Tag hatte», sagt der 23-jährige angehende Lehrer (Phil. II). «Aber für eine wirklich gute Runde muss im Crossgolf eben vieles zusammenkommen, und dass dann genau am Tag X alles passt, kommt nicht oft vor.»

Holenstein ist auch einer jener Crosser, die den Wechsel zum «richtigen» Golf nicht ausschliessen. «Zurzeit ist es noch zu früh», sagt er, «denn in der Szene hier fühle ich mich zuhause. Aber in zehn Jahren – wer weiss?»

Der Freigeistgolfer gehört wie etwa ein Viertel aller Teilnehmenden im Bernapark zu den Hardcore-Crossern. Als Mitglied des Royal Urban Golf Clubs in Frauenfeld trainiert er im Sommer regelmässig einmal in der Woche mit seinen Freunden, und bei Events wie diesem hier geht es für ihn und seine Kumpels um mehr als bloss um den Spass an der Freude. Aber: «Bei allem Ehrgeiz bleibt das Engagement immer in einem gesunden Rahmen.»

GEGENSEITIGER RESPEKT
Der überwiegende Teil der eingeschriebenen 48 Männer und sieben Frauen ist allerdings ohne Titelambitionen nach Deisswil gekommen. Da sind zum Beispiel Simon und seine fünf Freunde, die den Event kurzerhand als «Poltertag» gebucht haben. Oder da ist eine Gruppe von «echten» Golfern aus den Golfparks Moossee und Otelfingen, die «einfach mal reinschnuppern» wollen.

Nadine Altintas ist nicht das erste Mal dabei, bezeichnet sich selber aber noch als «blutige Anfängerin». Ihr Resultat von 60 Strokes reicht aber immer noch für einen Platz auf dem Ladies-Podest, den dritten. «Das ist aber Nebensache», sagt die 26-Jährige. «Ich mag vor allem den guten Groove an diesen Events: Alle sind prima drauf, freundlich und hilfsbereit. Toll!»

Inspirierend ist an dieser Schweizer Meisterschaft der etwas anderen Art aber auch der Sound: An praktisch jedem Abschlag sind kleine, mobile Musikanlagen installiert, die für Rhythmus sorgen. An der 3 zum Beispiel schlägt man zu Hip-Hop der mittlerweile aufgelösten deutschen Band «Blumentopf» ab, und zu diesen Klängen macht auch ein grossgewachsener, schlanker Mann seine Übungsschwünge. Er wirkt austrainiert, und wenn sein Schläger im Downswing jeweils kurz den Asphalt berührt, ist der Kontakt einfach perfekt. Kein Wunder: Der Walliser Christoph Kummer war Teaching Pro im GC Blumisberg und arbeitet jetzt für das Projekt «Golf – it’s magic!» der ASG. Er findet die asXg grossartig und unterstützt sie, indem er sich im OK um die golftechnischen Belange kümmert. «Es macht wirklich Spass, hier mitzuarbeiten», sagt der Pro. «Die Jungs sind initiativ und weitgehend frei von Sachzwängen, das gefällt mir!»

Kummer ist nicht der Einzige, dem das leicht Anarchische der Crossgolfer zusagt. Sogar klassische Country-Club-Members beschleicht manchmal so etwas wie Neid, wenn sie sehen, wie unverkrampft man hier mit dem Thema Golf umgeht. «So cool», sagt zum Beispiel Hittnau-Mitglied Meier, wohlwissend, dass die Schillerndsten unter den Coolen in jedem Schweizer Club Schübe auslösen würden. «Klar, es sind zwei unterschiedliche Welten», sagt er. «Aber ich spüre gegenseitigen Respekt, und eine Bereicherung sind sie allemal.»

Ein Tipp für alle «echten» Golfenden, die mal die Welt der Crossenden erleben wollen: Ihr Schlachtruf heisst «Rock’n’Hole!», und wer damit einfährt, ist schon mal so gut wie akzeptiert.

Text & Fotos: Franco und Elisabeth Carabelli




AUF DEM VORMARSCH
Das Baby hat viele Namen: Cross Golf, Urban Golf, Street Golf, X Golf, City Golf, Off Golf. Aber egal, wie man das noch junge Golfspiel ohne Golfplatz auch nennt: Zwei Qualitäten stehen im Vordergrund – ein ausgeprägter Community-Gedanke und Spass, Spass und nochmals Spass.

In der Schweiz gibt es bereits sieben lokale Cross-Clubs und seit 2016 auch einen nationalen Verband, die Association Suisse de X-Golf oder asXg. Gründungsmitglied Didi Keller (36) schätzt, dass hier zu Lande rund 200 Aktive abseits der Fairways ihre Schläger schwingen, Tendenz kontinuierlich steigend.

Der Thurgauer Keller und seine Kumpels vom Royal Urban Golf Club in Frauenfeld sind Crosser der ersten Stunde. «Als wir 2000 den Club gründeten, dachten wir mehr an einen Gag und glaubten nicht unbedingt an eine Zukunft.» Inzwischen hat der gelernte Techno-Polygraf Keller das Querfeldein-Golfen sogar zu seinem Beruf gemacht. Mit seiner Firma Golfsession GmbH organisiert er Events, bei denen die Gäste zu Crossern werden. Kunden sind vor allem Firmen, die ihren Mitarbeitenden mal etwas wirklich Anderes, etwas Aussergewöhnliches und vielleicht sogar leicht Schräges bieten wollen.

In Betrieb sind inzwischen auch neun permanente Holes in einem Gebäude des Bernaparks. Geöffnet ist dieser «Course» sonntags von 10.30 bis 19.30 Uhr, Greenfee inklusive Material ab CHF 12.–.

Und die Daten der nächsten Events:
1.7. CityGolf Masters, Frauenfeld TG
5.8. 1st Gold Coast Trophy, Meilen ZH
19.8. Wissliger Cup, Weisslingen ZH


Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe 2017 von Golf&Country erschienen. Die weiteren Themen der Ausgabe finden Sie hier.


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ZÜRCHER FRAKTION Dylan Graves und Shane Joninelli vom Goldcoast Crossgolf Club.

SET-UP Auch ein Industriegeleise kann einen wahren Crosser nicht irritieren.

GROOVE Nadine Altintas schätzt vor allem die gute Stimmung unter den Crossern.

SHOWTIME Raffael Crippa («Little Big Band») spielt nicht bloss Luftgitarre…

RECOVERY Stephan Gaberdiel rettet sich aus einer kniffligen Lage.

SOUVENIRS Patrick Wehrli ...

... stellt eine grosse Turniererfahrung zur Schau.

«WOMEN WITH BALLS» Nadine Götz von den Rough Riders lässt im Crossgolf keinen «kleinen Unterschied» gelten.

WAS NUN? Oliver Dombrowski im «Anflug» auf Loch 6 (Kugelgrill vorne rechts).

LÄRM - JA, GERN! Didi Keller, einer der Organisatoren der Schweizer Meisterschaft 2017 im Bernapark.

TEE 6 Auf ihrem Heimplatz Moossee schlägt Silvia Pascali in der Regel komfortabler ab.

KUNST AM BAU Der Bernapark, Kulisse für ungewöhnliche Golffotos.

WO ZUM GEIER? Jack Meier scheint mit seinem Drive nicht ganz zufrieden zu sein.

MENÜ EINS ODER ZWEI? Im «Ziegelhüsi» gibts ein warmes Buffet.

ENERGY, PLEASE! Der Nachschub an Energiedrinks klappt.

VERY BRITISH Wie die grossen Cricket-Matches kennen auch die Crossgolf-Events die schöne englische Tradition des «Lunch Breaks».

WIE AUS DEM LEHRBUCH Der sichtbare Unterschied zu klassischen Golfenden besteht oft nur im Outfit.

STATE OF THE ART Standbags gehören auch für viele Crosser zur Standardausrüstung.

PLAYOFF Um Platz zwei und drei gibts vor der Siegerehrung ein Stechen gleich vor dem «Clubhaus».

ETIKETTE Auch auf diesen Abschlägen brauchts hin und wieder etwas Geduld…

EINFACH HAMMER! «Mr. Strokesaver» Felix Meier könnte die ganze Welt umarmen.

STILSTUDIE Mirco Boesch aus Laax lässt seinen Ball nicht aus den Augen.

ORIGINAL Manuel Giesser im Look eines schottischen Schäfers.

BAD BOUNCE Claudio Pascali muss hier in die Trickkiste greifen.

CHEERS! Wer die Bierbüchsen zu Fall bringt, bekommt Bonuspunkte.

FIRST LADIES Siegerin Cindy Chenaux (Mitte), links Nadine Altintas (3.), rechts Silvia Pascali (2.) – alle mit Siegestrophäen.

DAS PODEST Nick Seaman (links, 3.), und Severin Kälin (2.) flankieren Samuel Steiner, den Erstplatzierten.

YESSS!!!! Champion Samuel Steiner freut sich über seinen Sieg und den Schweizer Meistertitel 2017.