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EINSTELLUNGSSACHE Trotz der manchmal widrigen Umstände sprüht Pratima geradezu vor Lebensfreude und Begeisterung fürs Golfspiel.

Pratima Sherpa: «Sie hat einen Traum, ist aber alles andere als eine Träumerin»

Die 18-jährige Pratima Sherpa will Nepals erste Berufsgolferin werden und 2020 in Tokio die erste Olympiateilnehmerin aus dem Staat am Himalaya. Beide Ziele verfolgt sie mit eisernem Willen.

Wenn die 18-jährige Pratima Sherpa sagt, ihr Heimclub sei der Royal Nepal GC in Kathmandu, dann ist das wörtlich zu nehmen: Hier, in einem winzigen Geräteschuppen hinter dem 4. Grün, wurde sie geboren, und hier lebt die zierliche junge Frau noch heute mit ihren Eltern. Pratimas Mutter Kalpana und ihr Vater Pasang Tsering arbeiten für den Royal Nepal als Greenkeeper und verdienen zusammen etwa fünf Dollar am Tag.

Den Schuppen teilt sich die Familie mit Rasenmähern und anderem Gerät zur Platzpflege, der eigentliche Wohnraum ist kaum grösser als ein mitteleuropäisches Badezimmer. Da stehen zwei Betten, ein Regal mit Pratimas Trophäen, mit Fotos und Nippes, ein Tisch, ein Fernseher. Fliessendes Wasser gibt es nicht, und einen Internetanschluss hats nur im Clubsekretariat.

«Ich weiss, dass es eigentlich unmöglich scheint», sagt Pratima. «Aber ich weiss auch, dass ich es schaffen kann.» «Es», das ist ihr grosser Traum, Nepals erste Profigolferin zu werden und auf der amerikanischen Ladies-Tour Karriere zu machen. Dadurch wolle sie einerseits ihrer Familie ein besseres Leben ermöglichen, andererseits auch unterprivilegierten Kindern Freude am Sport vermitteln und Golf in Nepal bekannter machen.

PAPA PASANG WAR SKEPTISCH
Pratimas (Golf-)Geschichte begann im Kindesalter. Mit aus Ästen geschnitzten «Clubs» und gefundenen Bällen versuchte sie, die Schläge der Erwachsenen zu imitieren. Dabei stellte sich das Mädchen offenbar so geschickt an, dass es mit elf Jahren in ein Juniorenprogramm des Clubs aufgenommen wurde. Die Members begannen, das Kind mit gebrauchtem Material und kleinen Spenden zu unterstützen, und Sachin Bhattarai, der Pro des Royal Ne­pal GC, unterrichtete das Mädchen kostenlos.

Pratimas Eltern standen dieser Verbindung am Anfang sehr skeptisch gegenüber. «In Nepal spielen nur wenige Menschen Golf, und praktisch alle gehören zur reichen Oberschicht», sagte ihr Vater Pasang Tsering in einem Interview mit der «Himalayan Times». «Zudem wollte ich nicht, dass meine Tochter die Schule vernachlässigt.» Das war kein abwegiger Gedanke in einem Land, in dem die Analphabeten-Rate unter den Frauen bei fast 45 Prozent liegt…

Die Ängste des Vaters waren unbegründet: 2018 wird Pratima ihre Grundschulzeit in Kathmandu beenden, und bis es soweit ist, hält sie sich strikt an ein brutales Programm. Ihr Tag beginnt gewöhnlich um fünf Uhr morgens mit dem Füttern der Tiere. Zum Haushalt gehören zehn Hühner, vier Ziegen und vier Hunde, ein fünfter Hund wurde Opfer eines Leopards. Nach dem Füttern spielt das Girl oft noch neun Löcher, dann muss sie auf den Bus. Die einstündige Fahrt zur Schule in der Metropole Kathmandu nutzt sie zum Lernen, und nach dem Unterricht gehts abends zurück auf die Übungsanlagen und dann heim in den Geräteschuppen. Golflehrer Sachin Bhattarai schwärmt in den höchsten Tönen von seiner Schülerin: «Sie ist mein Star», sagt er, «sie will nur lernen, lernen, lernen – und sich ständig verbessern.»

Vor zwei Jahren führte das Schicksal den nepalesischen Pro Bhattarai mit dem amerikanischen Filmemacher und Journalisten Oliver Horovitz zusammen. Viele G & C Leserinnen und -Leser erinnern sich vielleicht noch an die Reportage über Horovitz und sein Leben während der Semesterferien als Caddie auf dem Old Course von St Andrews.

Nach Nepal hatte es Horovitz verschlagen, weil er für eine Golfreisereportage recherchieren wollte. Der Trip führte ihn auch in den 1917 von einem indischen General gegründeten Royal Nepal Golf Club, und dort wurde er von Bhattarai auf dessen Schülerin aufmerksam gemacht. Was lag da näher, als dass Horovitz der jungen Frau den Caddie machte? «Wir haben zwei Runden gedreht», sagt Horovitz. «Die Reaktionen der Zaungäste und der Greenkeeper – viele davon Frauen, die Pratima von klein auf kennen – waren überwältigend. Ein Amerikaner, der für eine Nepali den Bag trägt – das hatte man hier noch nie gesehen!»

Beeindruckt war aber auch der «Caddie» selbst. Er sagt: «Pratimas Lebensfreude und ihre Liebe zum Spiel sind extrem ansteckend. Es war einer der besten Tage meines Lebens. Und das Girl ist gut. Ihr Schwung ist toll anzusehen, und ihr Kurzes Spiel ist grosse Klasse.»

Horovitz beschloss, noch mehr für «seine» Spielerin zu tun und startete eine Spendenaktion im Internet (siehe ganz unten). Die Site entwickelte sich zu einem kleinen Hype, und inzwischen sind schon mehr als 10 000 Dollar zusammengekommen. Mit dem Geld sollen vor allem Pratimas Ausrüstung und Turniergebühren finanziert werden, aber auf dem Wunschzettel stehen auch ein funktionstüchtiges Handy, ein Wasserfilter und eine künstliche Lichtquelle für die Hütte hinterm 4. Green…

Dort, in Pratimas «Wohnzimmer», stehen bereits mehr als 30 Trophäen, aber ihr grösster Schatz ist ein gerahmter Brief mit aufmunternden Worten von – Tiger Woods. Und das kam so: Bei einem Besuch der «Tiger Woods Foundation» in Washington D.C. erzählte Oliver Horovitz der anwesenden Crew von Pratima. Dabei erwähnte er auch, dass Woods der grosse Held und das Vorbild der jungen Golferin aus dem fernen Nepal sei. Tiger erfuhr davon, setzte sich hin und schrieb Pratima einen Brief. Horovitz reichte das Schreiben an Bhattarai weiter, der es rahmen liess und seiner Schülerin als Geschenk überbrachte (siehe Foto).

VON DER BÜROKRATIE GESTOPPT
Das Schreiben des Superstars könnte Türen öffnen, die für Pratima eigentlich verschlossen wären. Könnte. In einem Fall von nepalesischer Bürokratie konnten es aber selbst die Zeilen von Tiger Woods nicht richten.

2013 und 2015 hatte sich die Hoffnungsträgerin für einige Turniere der «Nick Faldo Junior Series» in China qualifiziert. In diesem Talentschuppen hatten schon spätere Cracks wie Rory McIlroy und Lydia Ko auf sich aufmerksam gemacht. Doch Pratima hatte keinen Reisepass, und da in Nepal die Staatsbürgerschaft nur via Vater übertragen werden kann und dieser seine Geburtsurkunde nicht mehr finden konnte, war es der jungen Frau nicht möglich, die nötigen Dokumente zu beantragen. Als die Clubmitglieder von den Schwierigkeiten erfuhren, kam ein amerikanischer Staatsbürger auf eine überraschende Lösung: Er wollte Pratima adoptieren. Sie lehnte jedoch dankend, aber bestimmt ab. «Das war eine sehr nette Geste», sagt die zierliche Frau mit dem starken Willen, «aber ich bin Nepali und möchte meinen eigenen nepalesischen Pass und mein Land vertreten.»

Dank ihren Gönnern im Club, die nicht locker liessen, bekam Pratima im Juni 2017 endlich ihre nepalesische Staatsbürgerschaft und gültige Papiere. Kurz darauf reiste sie – unterstützt von einer grossen Airline und einem Resort in Kathmandu – für fünf Wochen nach Kalifornien. Dort spielte sie auch zum ersten Mal mit nagelneuen Bällen. «Auf meinem Heimplatz leben ganze Affenbanden», sagt die Nepali und lacht. «Die stibitzen mit Vorliebe glänzend weisse Bälle, und deshalb benützen wir alte, abgeschossene Exemplare. Allerdings: Wenn man Opfer eines derartigen Ballklaus wird, bekommt man gemäss den Local Rules einen Free Drop…». Zudem sei es kein gutes Zeichen, wenn die Affen nicht auf dem Platz seien, erzählt sie. «Dann weiss man, dass ein Leopard unterwegs ist. Und wenn eine dieser Raubkatzen dasselbe Fairway benützt, ist es ratsam, das Büsi durchspielen zu lassen.»

STUDIUM IN KATHMANDU
In Kalifornien zeigte sich Pratima von den im Vergleich zu ihrem Heimclub geradezu paradiesischen Verhältnissen nicht sehr beeindruckt. Sie spielte in fünf Turnieren mit, gewann eines davon und klassierte sich in zwei anderen in den Top 6. «Einige der Courses waren richtig schwierig, aber es war wichtig für mich, die Herausforderungen anzunehmen», sagte sie dem Sender CNN. Denn: «So habe ich mehr über mein Spiel erfahren und meine Fähigkeiten mit dem Niveau in den USA vergleichen können.» Während ihres Aufenthalts besuchte Pratima auch ein vierwöchiges Training in der Golf Academy des Olivas Links Golf Courses, und am Titleist Performance Institute in Ventura absolvierte sie ein Fitnessprogramm.

Nach dem Trip an Amerikas Westküste stellte sich auch die Frage nach einem Wechsel an ein US-College. Das Vorhaben scheiterte aber aus zwei Gründen: Erstens fühlt sich die junge Frau ihrer Heimat tief verbunden, und zweitens hat sie nicht die finanziellen Mittel für eine der teuren Schulen mit den tollen Sportprogrammen. Pratima hat sich deshalb für ein vierjähriges Studium in Business Administration in Kathmandu entschieden, und neben einer guten Bildung liegt ihr Schwergewicht auf der Teilnahme an Turnieren in Asien und auf der Vorbereitung für das Golfturnier an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio.

«Ich denke, sie hat gute Chancen, sich für Olympia zu qualifizieren», sagt Oliver Horovitz. «Und wenn ich mir anschaue, wie hart sie arbeitet, kann ich nur sagen: Pratima hat einen Traum – aber sie ist alles andere als eine Träumerin.»

TEXT: PETER HODEL MIT OLIVER HOROVITZ; FOTOS: MICHAEL MONTANO; VLADIMIR WEINSTEIN; GETTY IMAGES/AFP, PRAKASH MATHEM; MATT COOPER


SUPPORT FÜR PRATIMA
Um Pratima auf dem Weg zur Verwirklichung ihres Traums zu unterstützen, ist eine Website erstellt worden, über die Gönner und Gönnerinnen Geld spenden können. Bisher sind etwas mehr als 10 000 US Dollar zusammengekommen.

https://www.gofundme.com/teampratima



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Der Artikel zu Pratima Sherpa ist in Golf&Country 4/2018 erschienen.

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ENG Ein Blick in den «Wohnbereich» des Geräteschuppens hinterm 4. Grün des Royal Nepal GC.

FAMILIENBANDE Mutter Kalpana und Vater Pasang Tsering, die als Greenkeeper zusammen etwa fünf Dollar im Tag verdienen, sind stolz auf ihre Pratima.

PROMOTER Der Amerikaner Oliver Horovitz ist Pratimas grosser Förderer.

COACH Sachin Bhattarai, der Pro im Royal Nepal GC, unterrichtet Pratima kostenlos.

GUT AKKLIMATISIERT Pratima spielte bei ihrem Aufenthalt in den USA sechs Turniere, von denen sie eines gewann.

«Liebe Pratima, ich bin so stolz auf dich und auf all das, was du schon geschafft hast! Mein Vater sagte oft, man bekomme das zurück, was man investiert habe. Wenn du also weiter hart arbeitest und dich voll dem Golf hingibst, wirst du Erfolg haben. Herzlich, Tiger»

AMERICAN WAY OF LIFE Auch Trainer Bhattarai (M.) hatte auf der US-Kilbi seinen Spass.

NEUE ERFAHRUNG Mithilfe der Töchter ihrer Gastfamilie schwang sich Pratima erstmals auf einen Velosattel.

TOTAL RELAXED Pratima mit ihrer amerikanischen «Gastmutter» Tanya Montano.

ANGESPANNT Auf dem Golfplatz ist Pratima stets höchst konzentriert.