Von Andreas Bonifazi
Alle Golfer sind auf der Suche nach dem perfekten Schwung. Nach dem Schlag, der den Ball genau so fliegen lässt, wie er oder sie sich das wünscht – und das nicht bloss einmal, zweimal oder dreimal. Immer.
Diese ewige Sehnsucht nach Veränderung und Verbesserung hat viele Menschen reich gemacht – einige an Dollars, Franken oder Euro, andere wiederum an Demut, Frust und Enttäuschung. Denn der Wunsch nach einem golferischen Allheilmittel hat auch Scharlatane auf den Plan gerufen, die viel versprechen, viel kassieren – und nichts halten.
Julian, Hand aufs Herz: Ist «SwingModel» eine seriöse Lehrmethode? Holzhäuserns Headpro Julian Myerscough leitet seine Antwort mit einer Korrektur ein: «‹SwingModel› ist keine neue Lehrmethode, sondern eine Trainingshilfe. Diese ist in erster Linie für den Schüler bestimmt, denn er ‹hört› seine Fehler nicht nur wie in einer klassischen Unterrichtsstunde beim Pro, er ‹sieht› sie auch. Und vor allem: Er kann seinen Schwung direkt mit der perfekten Variante vergleichen, die ihm ‹SwingModel› vorzeigt.» Das Gerät sei aber auch eine Hilfe für den Pro, sagt Myerscough: «Für mich ist es ein diagnostisches Werkzeug, mit dem ich die korrekte Körperhaltung überprüfe, die nachher wiederum grosse Auswirkungen auf den Schwung hat.»
Ein Golfer mit Traum-Massen
Das Grundprinzip von «SwingModel» ist einfach: Der Schwung eines x-beliebigen Amateurs und jener eines «Modellgolfers» werden auf einem Computerbildschirm übereinandergelegt und miteinander verglichen. Unterschiede und damit Fehler werden sofort sichtbar.
Und so entstehen die zwei «Schwungbilder»: Das «SwingModel» verfügt selbstverständlich über Traum-Masse (vgl. Grafik rechts). Virtuell zusammengesetzt wurde der «ideale Golfer» nach dem «Frankenstein-Prinzip», das heisst, aus Körperteilen mit den Massen verschiedener Spitzenkönner: Die Unterschenkel zum Beispiel kommen von Ernie Els (Länge: 26 cm), die Arme von Sergio Garcia (Länge: 65 cm), die Schultern von Steve Stricker (Breite: 38,6 cm) und so weiter. Die Körpergrösse entspricht jener von Tiger Woods (1,86 m).
Der ideale Bewegungsablauf selber entstand aus den Swings von mehr als 130 Cracks, von Jack Nicklaus bis Tiger Woods. Dabei wurde jedoch nicht etwa einfach ein «Durchschnitt» aller dieser Schwünge ermittelt. Der «Super-Swing» entstand durch Isolierung der perfekten Elemente in einzelnen Schwüngen und Eliminierung der Schwächen.
Und der Vergleichs-Swing? Zu Beginn werden im Trainingscenter die Daten des Probanden erfasst: Grösse, Gewicht (darf man selber angeben …), Schulterbreite, Armlänge, Beinlänge («ganz wichtig!») sowie Schlägerlänge werden notiert und ins System eingelesen, ebenso wie die Schwunggeschwindigkeit.
Dann wird aus diesen Daten am Computer ein «Dummy» hergestellt, ein Strichmännchen, das genau die gleichen Masse hat wie der Schüler. Diese Strichfigur wird dann genau so schwingen wie der virtuelle Superathlet – einfach mit exakt den Massen des Schülers. Nur so ist ein unmittelbarer Vergleich möglich: Einer mittelgrossen Frau bringt es wenig, wenn sie ihren Schwung mit dem des 1,91 Meter grossen Ernie Els vergleicht. Die körperlichen Unterschiede wären zu eklatant.
Aus dem Strichmännchen wird zwecks 3D-Effekt später dann noch eine Art Schaufensterpuppe, aber verglichen wird der Schwung des Schülers mit jenem des Strichmännchens, so werden die Unterschiede deutlicher. Um den Bewegungsablauf des Schülers zu speichern, wird einer seiner Schwünge von Kameras aus zwei Blickwinkeln aufgenommen.
An dieser Stelle scheint eine erste kritische Bemerkung angebracht: Golfschwünge sind sehr unterschiedlich – und doch bringen auch nicht perfekte Bewegungsabläufe gute Resultate. «Ja, das stimmt», sagt Julian Myerscough, «aber es gibt Basics, die stimmen müssen. Zum Beispiel die Schwungebene, die Position des Schlägerkopfs im Treffmoment, die Ausrichtung oder der Griff. Hier zeigt ‹SwingModel›, wie gute Golfer diese grundlegenden Fragen gelöst haben.»
Nach einer ersten Visualisierung geht der Schüler wieder in Position und wird anhand des Computermodells zum Ball ausgerichtet. Unter Anleitung wird der Schwung langsam ausgeführt, mit dem Ziel, sich dem Strichmännchen «anzunähern». Zu Beginn ein seltsames Gefühl. «Die ersten Schläge werden nicht gut sein», warnt Myerscough.
Und hier kommt schon die zweite kritische Frage: Ist ein durchschnittlicher Golfer nicht überfordert von der Fülle an Information, die beim konkreten Vergleich auf ihn eindringt? «Klar», sagt Myerscough. «Aber da mache ich grosse individuelle Unterschiede. Dem einen Klienten versuche ich, höchstens zwei Änderungen pro Stunde zu vermitteln. Andere hingegen wollen alles bis ins Detail wissen und können das auch verarbeiten.»
Im Laufe der Lektion werden normalerweise zwei bis drei Fehler direkt korrigiert, geübt und das Resultat dann erneut mit dem «Dummy» verglichen. Zum Schluss der Lektion spricht der Pro vier Minuten Kommentar zu den Bildern.
Alle Informationen sind schon einige Stunden später für den Schüler zu Hause verfügbar. Online kann er die Vergleiche abrufen, auch im Vorher-Nachher-Modus, und er kann sich den Kommentar seines Pros anhören. Dieser Round-up ist in deutscher Sprache gehalten, alle anderen Infos sind bisher nur in Englisch verfügbar. Laut Systemerfinder Ralph Mann (vgl. Box links unten) wird an einer deutschen, einer koreanischen und einer niederländischen Sprachversion gearbeitet.
100 Franken Jahresgebühr
Die dritte kritische Frage liegt auf der Hand: Ist die Situation wirklich realistisch, da ja nicht alle körperlichen Merkmale des Schülers – wie etwa die Beweglichkeit – mit dem Strichmännchen abgebildet werden können?
«Für die Basics ist das absolut realistisch», sagt Holzhäuserns Manager Pit Kälin. «Idealerweise wird noch ein Golf-Physiologe als Ergänzung und Abrundung des Angebots miteinbezogen.» Wenn «SwingModel» mit dessen Fachwissen ergänzt werde, biete es ohne Zweifel vielen Spielerinnen und Spielern ein enormes Fortschrittspotenzial, sagt Kälin.
Die letzte unserer Fragen ist nicht kritisch, sondern nüchtern und urschweizerisch: Was kostet die «Privatlektion bei Dr. Frankenstein»? Pit Kälin sagt, in Holzhäusern berechne man für die Benützung von «SwingModel» eine Jahresgebühr von
100 Franken. «Daran verdienen wir nichts, das ist ein Selbstkostenpreis.» Und selbstverständlich berechnet der (reale) Pro seinen üblichen Tarif für eine Unterrichtsstunde.
Aber wer auf der Suche nach dem perfekten Golfschwung eines Tages erfolgreich sein will, der weiss, dass im Golf nichts wirklich gratis zu haben ist – ausser dem Slice und dem Frust …
Kommentar
Von Andreas Bonifazi
Mit einer Portion Skepsis liess ich mir «SwingModel» im Golfpark Holzhäusern erklären. Skeptisch vor allem darum, weil man weiss, dass viele Trainingsmethoden nur entweder für tiefe oder für hohe Handicapper Sinn machen. Konnte es wirklich sein, dass «SwingModel» für alle Stärkeklassen empfehlenswert sein würde?
Unbestritten reizvoll ist die Idee, den eigenen Swing sofort mit einem «Musterschwung» vergleichen zu können. Jeder Golfer, der einmal eine Videoanalyse erlebt hat, weiss um den Wert des Sichtbaren.
Nach den ersten Schwüngen und dem Betrachten des Vergleichs wunderte ich mich, dass die Unterschiede zwischen real und virtuell so eklatant sind! Kopf weniger weit nach hinten, Ball im Stand weiter vorne, steilere Schwungebene, Schläger im Rückschwung offener, Beine stabiler. Mein Gefühl nach der ersten Sequenz: Erstaunlich, dass ich mit all diesen Mängeln ganz akzeptabel Golf spiele …
Manchmal gehen Schattierungen verloren
Bemerkenswert ist die Verfügbarkeit der Lektionen via Internet, die Möglichkeit, am eigenen PC den direkten Vergleich zu ziehen und zu sehen, wo die Unterschiede zum Vorbild liegen. Vor einer Turnier- oder auch einer ganz gewöhnlichen Runde kann sich der Spieler so zu Hause anschauen, welche Punkte er besonders beachten möchte.
Leider sind die meisten Informationen bis jetzt ausschliesslich in englischer Sprache verfügbar. Der vom Golfpro gesprochene Kommentar ist zwar Deutsch, aber alle Infos auf der Internetseite sind in Englisch. Eine deutsche Variante sei in Arbeit, versichert Systemerfinder Ralph Mann.
Dass «SwingModel» relativ statisch wirkt, ist für Anfänger sinnvoll, kann aber bei Fortgeschrittenen zu ungewollten Korrekturen führen. Jeder Spieler entwickelt im Verlaufe seiner Karriere Eigenheiten, die «SwingModel» dann ausmerzen will – selbst wenn sie den Schwung nicht negativ beeinflussen.
Ein Beispiel dafür ist die Kopfhaltung im Durchschwung: Viele PGA-Pros halten den Kopf im Durchschwung lange in der gleichen Position. Macht das ein «SwingModel»-Schüler, wird er korrigiert, und das System «befiehlt» ihm, den Kopf im Durchschwung früher zu heben. In solchen Fällen gehen im «SwingModel»-System Schattierungen verloren.
Aber alles in allem ist «SwingModel» eine wertvolle Ergänzung zum normalen Training. Die Visualisierung nicht nur der Fehler, sondern auch des Korrekten kann dieses System für gewisse Schülerinnen und Schüler zu einem Fortschritts-Turbo machen.
Ein weiterer Pluspunkt liegt darin, dass «SwingModel» auf fast allen Leistungsstufen Sinn macht. Bei Anfängern und Gelegenheitsgolfern können die Basics anschaulich korrigiert werden. Voraussetzung dabei ist allerdings, dass man sich durch den Musterschwung nicht entmutigen lässt – ein Anfänger wird sein Strichmännchen ganz anders schwingen sehen als sich selbst. Da wird eine gesunde Portion Abstraktionsvermögen verlangt, was allerdings durch den Pro gestützt wird.
Ambitionierte Golfer können mit dem System an den Feinheiten ihres Schwungs feilen. Und kleinere Fehler, die sich über die Jahre angesammelt haben, lassen sich mit «SwingModel» effizient behandeln.