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Coverstory - Februar 2010

Koreas Ladys kommen gewaltig in Form

Eine wahre «Girlie-Armada» aus Korea macht den Profi-Golferinnen aus USA und Europa das Gewinnen zusehends schwerer: Die meist zierlichen Asiatinnen werden immer stärker und stürmen die Ranglisten.

STARKES SPIEL Die Koreanerin Jessica Ji zeigt in der Academy in Evian hoch über dem Genfersee, dass mit ihr zu rechnen ist.

TOLLES TEAM Jon Wallett, Leiter der Elite Coaching Golf Academy, und Schützling Jessica Ji wollens ganz an die Spitze schaffen.

Das koreanische «Fräuleinwunder» im internationalen Spitzengolf ist nicht etwa die Erfindung einer staatlichen PR-Agentur, sondern ein Phänomen, das sich belegen lässt: Die Mädchen und Frauen des nordasiatischen Landes swingen und chippen sich in den Welt- und Geldranglisten der Golferinnen kontinuierlich nach vorne. Das belegt auch die Saison 2009.


• Mit Jiyai Shin (21) lag erstmals eine Koreanerin auf Platz 1 der amerikanischen Money-List (Preisgeld: über 1,8 Millionen Dollar).
• Sechs der Frauen in den Top 20 dieser Geldrangliste stammen aus Korea.
• Bei 11 von 29 LPGA-Events der Saison siegte eine Koreanerin.
• In den Top 20 der Weltrangliste finden sich gleich fünf koreanische Golferinnen (Stichtag: 19. Dezember 2009).

Die Academy in Woo Jeong
Korea, die Halbinsel zwischen Chinesischem und Japanischem Meer, ist etwa acht Mal so gross wie die Schweiz und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in zwei Staaten geteilt: die «Demokratische» Volksrepublik Korea im Norden und die Republik Korea im Süden.


Dort, in der Nähe der 10-Millionenmetropole Seoul, leitet Robin Symes die David Leadbetter Golf Academy von Woo Jeong Hills. Der 30-jährige Ire sagt, man könne den Siegeszug der Koreanerinnen nicht auf einen Nenner bringen. «Es ist eine Kombination verschiedener Faktoren, die zu diesen Spitzenleistungen führen.»


Einer dieser Faktoren ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Juniorinnen und Junioren ihren Sport in Korea betreiben. Symes sagt, er habe keine Schülerin und keinen Schüler, die oder der «just for fun» Golf spielen würde. Zudem sei Golf eine gesellschaftlich anerkannte berufliche Laufbahn, für die es eine entsprechende Ausbildung benötige.


Eine Ausbildung, die in der Schweiz vielleicht mit einem Studium vergleichbar ist. Kaum ein Student wählt sein Fach nur so «zum Spass». Ein angehender Architekt zum Beispiel lernt, um eines Tages als Architekt Karriere zu machen und in diesem Beruf gutes Geld zu verdienen.

Das Patriarchat regiert
Dass es vor allem Frauen sind (mit Ausnahme von K.J. Choi, Y.E. Yang und vielleicht noch Danny Lee), die Korea unter die Topnationen des Golfsports gebracht haben, hat seine Gründe.


Erstens muss jeder Koreaner mit etwa 20 für zwei Jahre zum Militär. Selbst ein Spitzensportler ist von dieser allgemeinen Wehrpflicht nur dann befreit, wenn er bereits eine olympische Goldmedaille gewonnen hat. Männliche Golfer werden also in einer möglicherweise entscheidenden Phase ihrer Entwicklung vom Staat eingebremst. Choi und Yang entkamen diesem oft fatalen Karriereknick, weil sie beide relativ spät mit dem Golfspiel begannen.


Zweitens ist die koreanische Gesellschaft immer noch sehr patriarchalisch und traditionell orientiert. Während die Söhne in den Genuss einer umfassenden Ausbildung kommen, wird von den Töchtern erwartet, dass sie möglichst früh von der Schule abgehen und mindestens selbstständig werden, vielleicht sogar irgendwie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Ob die Girls dieses Ziel als Fabrikarbeiterin oder Golfprofi erreichen, ist letztlich unwichtig.

Se-ri Pak, das grosse Vorbild
Und doch ist die Berufswahl entscheidend – vor allem finanziell. Das veranschaulicht Se-ri Pak, die heute 33-jährige Golferin aus Daejeon. Sie wurde 1996 Profi, debütierte 1998 auf der amerikanischen LPGA Tour und führte ihren Landsleuten eindrücklich vor Augen, dass man mit Golf nicht nur sein tägliches Brot, sondern Millionen von Dollar verdienen kann. Se-ri Pak bewies auch, dass gelungene Drives zu Ruhm und Ehre führen: 1998 bekam sie, damals erst 21, den koreanischen Order of Merit. Das ist die höchste Auszeichnung, die der Staat an Sportler vergibt. 2007 wurde sie als jüngstes lebendes Mitglied in die World Golf Hall of Fame in St. Augustine im US-Staat Florida aufgenommen. Diese Berufung nahm das golferische «Entwicklungsland» Korea mit viel Nationalstolz zur Kenntnis.


Verständlich, dass Se-ri Pak bei den jungen Golferinnen als grosses Vorbild gilt. Eine der Frauen, die in die Fussstapfen der Weltklassespielerin treten wollen, ist die 20-jährige Jessica Ji. Sie besuchte 2009 die Elite Coaching Golf Academy in Evian am Genfersee und spielte erstmals auf der Ladies European Tour. «Als achtjähriges Mädchen sah ich im Fernsehen, wie Se-ri das US Open 1998 gewann», erzählt Jessica Ji. «In der darauf folgenden Woche fragte ich meinen Vater, ob er mich mitnehmen würde auf die Driving-Range, auf der er regelmässig trainierte …»

Der Kampf an die Spitze
Die damals Neunjährige spielte schon bald an regionalen Juniorenturnieren mit, und nebenbei verfolgte sie am Bildschirm fasziniert, wie Mädchen und Frauen aus ihrem Heimatland immer erfolgreicher wurden auf der US-Tour: Bei den LPGA-Events 2009 waren im Schnitt 30 Prozent der Teilnehmerinnen koreanischer Nationalität oder mindestens koreanischer Abstammung. «Da begann ich daran zu glauben, dass ich eines Tages eine von ihnen sein werde», sagt Jessica Ji.

Watch, copy, repeat
Auch für die raschen Fortschritte, die junge koreanische Golferinnen machen, gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist die eiserne Trainingsdisziplin. Sie ist die Basis für das typisch asiatische Lernschema, das da heisst: «watch, copy, repeat», beobachten, kopieren, wiederholen. Wiederholen, wiederholen, wiederholen. Bis zu 1000 Bälle schlagen die Mädchen pro Tag … Westliche Spielerinnen sind da nach Aussagen von Coaches viel «komplizierter». Diese wollen in der Regel verstehen, was sie lernen.


Trotz «watch, copy, repeat» florieren in Korea die Golf Academys, und das, obwohl sie ganz schön teuer sind. Rund 800 Dollar bezahlt eine Studentin im Monat für vier Stunden Gruppenunterricht pro Woche. Für eine einzige Privatstunde berechnet Leadbetter-Direktor Robin Sy- mes 320 Dollar. Dieser Preis rechtfertigt sich offenbar vor allem dadurch, dass Symes die 23-jährige Na Yeon Choi betreut. Sie spielte sich 2008 am Evian Masters auf den zweiten Platz.

Die kleinen Schwachstellen …
Über die Akademien haben die eifrigen Studentinnen und Studenten zwar auch Zugang zu Partnerclubs und deren Plätzen (vgl. Box Seite 8). Aber sie nutzen dieses Privileg höchst selten. Kein Wunder: Die vergünstigte Greenfee kostet um
300 Dollar! So spielen die koreanischen Juniorinnen eben fast nur an Turnieren «richtige» Golfrunden. Doch selbst diese Events sind nicht primär zum Vergnügen da: Gespielt wird Strokeplay brutto, und wer an einem U14-Event den Cut schaffen will, muss unter Par spielen! Der koreanische Golfverband sieht in der Organisa-tion solcher Turniere auf allen Altersstufen eine seiner Hauptaufgaben. Für Ausbildung und Betreuung sind Private zuständig, und nur in Ausnahmefällen dürfen Spielerinnen und Spieler mit finanzieller Unterstützung des Verbandes rechnen.


Klar, hat das «Modell Korea» auch seine Schwachstellen. Die empfindlichste ist wohl die Motivation der Spielerinnen, die in jungen Jahren nicht selten von ihren Vätern nach dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip zu Höchstleistungen getrieben werden und vielfach als Teenies die Qualifikation für die LPGA-Tour schaffen. Wie es dann mit den Senkrechtstarterinnen weitergeht, wenn sie einmal ihre Umlaufbahn erreicht haben, ist hingegen unklar. Für eine Prognose mangelt es schlicht an empirischen Erfahrungswerten, denn von den koreanischen Spielerinnen auf der US-Tour ist nur eine einzige mehr als 30 Jahre alt: die fünffache Major-Siegerin Se-ri Pak.

 

Autoren: Jon Wallett* und Franco Carabelli   

 

 

* Jonathan «Jon» Wallett ist der Leiter der Elite Coaching Golf Academy, die im Sommer in Evian und im Winter im Royal Pines Resort in Australien zu Hause ist. Er kam 1961 in Bath (Südengland) zur Welt, ist studierter Sportpsychologe und Mitglied der Swiss und der British PGA. Wallett leitete Golfakademien in der Schweiz, England, Frankreich sowie Australien und arbeitete als Golflehrer in Japan. 2007 verbrachte er einige Monate an der David Leadbetter Academy in Korea. Wallett spielt gerne Tennis und liest viel. Sein grosses golferisches Vorbild ist Jack Nicklaus: «Nicht nur wegen seiner Leistungen auf dem Golfplatz, sondern vor allem wegen seines Charakters als wahrer Sportsmann.»  

 

 

 

 
 
 
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