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Der Komapatient – wenn nichts mehr so ist, wie es mal war

Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

Es geschah am 8. Loch. Frankie sank, getroffen von einem Ball, zu Boden. Er hatte das «Fore» nicht gehört. Es hatte zu viel Wind. Frankie spürte nichts, nur den dumpfen Knall gegen seine Schläfe. Es wurde schwarz.

Als er aufwachte, fühlte er sich sehr steif. Sehr schwach. Das Licht um ihn herum war irgendwie anders. Es roch nach… hmmmm. Er kannte diesen Geruch nicht. Er hörte, wie eine Stimme sagte: «Der Patient ist wach. Werte normal. Aufwachsequenz einleiten.» Es kam ihm wage wieder in den Sinn. Er war auf dem Golfplatz. Da musste er wieder hin. Er wollte seine Runde zu Ende spielen. «Hallo? Ist da wer?», sagte er in seinem gebrochenen schottischen Deutsch. «Ich muss auf den Golfplatz, haaalloooooo?»

Die Stimme sagte: «Golf. Einen Moment bitte.» Stille. «Golf. Ein schottischer Sport, 1744 bis 2049. Wurde als Sport auf­gegeben.» Frankie dachte, er höre nicht gut. 2049? Es war doch 2019? Eine Person kam ins Zimmer und Frankie fragte sofort, wo seine Golfschläger seien und welches Jahr wir hätten. Die Person war nicht echt. Sie war ein Artificial Intelligence Roboter. Sie erklärte Frankie, dass es Golf nicht mehr gibt und dass es das Jahr 2089 sei. Dass es keine Golfplätze mehr gebe. Die wurden umgewandelt in Flughäfen für fliegende Autos.

Er brauchte eine Weile, bis er verstand, was los ist. Doch dann verstand er. Er war 90 Jahre im Koma gewesen und ist jetzt aufgewacht. Die Welt war nicht mehr die gleiche. Er fragte in den Raum hinaus: «Warum gibt es kein Golf mehr?»

Die Stimme, die er am Anfang hörte, sagte: «Golf wurde vor 50 Jahren aufgehört zu spielen. Die Gründe sind: zum Lernen zu kompliziert. Die Plätze zu lang und zu schwer. Zu viele alte Leute, die nur noch neun Löcher spielen wollten. Zu wenig junge Leute, da zu viele Alte spielten. Zu wenig Junioren, da zu wenig junge Leute ihren Nachwuchs nachzogen. Zu viele Nachwuchstalente, die sich aus dem Sport zurückzogen, weil «Fortnite»-Spielen ein Millionengeschäft wurde. Zu hässliche Trolleys, die man immer kleiner zusammenfalten konnte, bis man sie im Kofferraum nicht mehr fand. Die ­Driver-Köpfe wurden so gross, dass der Ball daneben zu klein wirkte und man Angst hatte, ihn nicht mehr zu treffen.» ­Frankie war geschockt.

«Ein weiterer Grund», sagte die Stimme, «der Immobi­lienmarkt in den USA fiel komplett zusammen, nachdem die illegalen Immigranten nicht mehr in die USA kamen und sich stattdessen in Mexiko niederliessen. Man fand neue Lithiumvorkommen, die Tausende Arbeitsplätze schufen. 95 Prozent aller Golfplätze sind in Resorts und Communitys, die nun nicht mehr gebaut und unterhalten und deshalb geschlossen wurden. Golf in Amerika – und deshalb auch die Golfindustrie – war Geschichte.»

Frankie war nachdenklich. Er dachte, wie er damals als Junge von seinem Vater mitgenommen wurde und das Spiel sehr schnell lernte. Keine Hemmschwellen, keine Vorgaben, keine teuren Gebühren. Einfach spielen. Er dachte an die Traditionen von Anstand, Ehre, Kleidung, Regeln. Wer am besten spielte, hatte die Ehre. Wer am weitesten weg war vom Loch, hatte die Ehre. Und: Man musste den Ball damals wirklich gut treffen mit den kleinen Schlägern, sonst passierte nämlich gar nichts. Die Golfregeln waren zwar kompliziert, aber eben dem Spiel angepasst. Und jeder respektierte sie. Man nannte Golf nicht umsonst einen «Gentleman’s Sport».

Apropos Regeln: War da nicht was? Frankie dachte nach. Ach ja, die Regeländerung 2019. Die alles umfassende, grosse, revolutionäre und scheinbar vereinfachende Änderung. Wenn man auf dem Abschlag einen Ball mit einem Luftschlag doch noch vom Tee holte und der Ball innerhalb des Tees blieb, konnte man den Ball wieder aufteen. Frankie wurde bleich. Ihm wurde wieder schwarz vor Augen. So wollte er nicht mehr. Er machte die Augen zu und schlief wieder ein.

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Foto: Getty Images




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