---
facebook twitter google plus print

GEWACHSENE BEZIEHUNG Die Golfregeln und Yves Cédric Ton-That: Es war nicht Liebe auf den ersten Blick…

«Ich war oft an der Uni – vor allem im Kopierraum …»

Der Schweizer Regel-Guru Yves Cédric Ton-That schreibt in jeder Ausgabe von G & C über sein Fachgebiet. In diesem Interview erzählt er, wie er vor gut 18 Jahren im GC Bubikon überhaupt mit den Golfregeln in Kontakt kam.

Yves, der Papst zu Rom wird jeweils vom Konklave gewählt. Aber wie wird man Regelpapst?
Yves Cédric Ton-That, Regelexperte, Verleger, Bestseller-Autor und App-Entwickler: «Das musst Du eigentlich nicht mich fragen, denn ich habe mir diesen Titel ja nicht selbst verliehen. Manchmal ist er mir sogar fast ein bisschen zu prätentiös, ich persönlich mag ‹Regel-Guru› lieber.»

Bleiben wir noch einen Moment beim Papalen: Jener in Rom gilt ja per definitionem als unfehlbar. Wie sieht das bei Dir aus?
(Lacht) «Oh, ich bin durchaus auch fehlbar. Natürlich versuche ich, alles, was ich mache, abzuklären und gegenzuchecken. Egal, ob ich jemandem eine Auskunft gebe oder etwas publiziere. Aber ein Restrisiko ist auch in meinem Job immer dabei.»

Welches war Dein peinlichster Flop?
«Das war vor etwa fünf Jahren: Da mussten wir einige Tausend Exemplare von ‹Golfregeln kompakt› einstampfen, weil wir einen inhaltlichen Fehler zu spät bemerkt hatten.»

Du bist ja auch seit 16 Jahren als ASG-Schiedsrichter bei offiziellen Turnieren im Einsatz. Gibt es da manchmal heikle Situationen?
«Eigentlich nicht so viele. Das hat aber viel mit seriöser Vorbereitung zu tun. Wenn ich für ein Turnier aufgeboten werde, schaue ich mir den Platz vorher gründlich an, laufe ihn mehrmals ab und versuche mir vorzustellen, wo es zu heiklen Situationen kommen könnte. Viele kann man zum Vornherein entschärfen, zum Beispiel dann, wenn Ausgrenzen oder Hindernisse nicht eindeutig markiert sind. Dann besorge ich mir eben farbige Pflöcke oder Spraydosen und schaffe so Klarheit. Wegen der Spraydosen hat man mich auch schon ‹Picasso der Fairways› genannt?…» (Lacht)

Das ist ganz schön viel Aufwand für eine Entscheidung, bei der es ja nicht um Leben oder Tod geht
?
«Ja, aber wenn jemand dieses Spiel wettkampfmässig betreibt, hat er Anrecht auf eine faire Beurteilung seiner Handlungen. Zudem sind Entscheide eines Schiedsrichters immer final. Das verpflichtet. Und manchmal geht es ja auch um Preisgeld, also um eine Existenzfrage.»

Und trotzdem sieht man immer wieder auch Spitzenprofis, die Strafschläge einkassieren müssen. Sollte man nicht annehmen, die seien sattelfest in den Regeln?
«Ja, grundsätzlich schon. Aber es kann immer wieder vorkommen, dass ein Spieler in einer gewissen Situation so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er Fundamentales vergisst. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Schiedsrichterseminar in Ascona, bei dem wir nach mehreren Theorieblöcken auch noch ein Referees’ Foursome spielten. Einer meiner Kollegen haute den Abschlag in einen Bunker, und was macht sein Partner? Er steigt in den Bunker hinab, setzt seinen Schläger auf und macht seelenruhig ein paar Probeschwünge mit Sandberührung?… Unglaublich! Aber eben: Das Golfspiel kann einen so absorbieren, dass man sich völlig vergisst.»

Wann und wie bist Du zum ersten Mal mit dem Thema «Regeln» in Berührung gekommen?
«Das war Mitte der 1990er-Jahre. Ich war damals Student, war aber praktisch jeden Tag in Bubikon anzutreffen, wo gerade der 6-Loch-Platz eröffnet worden war. Da kaum jemand eine Ahnung von Regeln, geschweige denn von Etikette hatte, kam es auf den engen Spielbahnen laufend zu Diskussionen: Wer hätte Vortritt gehabt, wer hätte wann ‹Fore!› rufen müssen – und so weiter. Als der Bubikon-Pionier Walter Künzi und sein Team einmal mehr diese Problematik diskutierten, riet ich ihm, Regelkurse anzubieten. Nur so könne man Abhilfe schaffen. Walti meinte: ‹Dann mach doch Du das, Du bist ja Student und hast nichts zu tun!› Und so kam es, dass ich Ende 1994 in Bubikon meinen ersten Regelkurs durchführte.»

Du und die Golfregeln – war es Liebe auf den ersten Blick?
«Überhaupt nicht, nein, ganz und gar nicht. Ich empfand schon die Sprache, in der das offizielle Regelwerk abgefasst war, als Zumutung. Für meinen ersten Kurs erstellte ich eine Dokumentation von 27 Seiten, welche die Regeln auf das Wesentliche reduzierte und in verständlichem Deutsch und mithilfe von Illustrationen erklärte. Dieses Basismaterial wurde von Kurs zu Kurs umfangreicher, und irgendwann wurde daraus ein Bestseller: ‹Golfregeln kompakt› ist heute in 22 Sprachen übersetzt und schlägt weltweit alle Verkaufsrekorde für Golfbücher.»

Am Anfang war es aber eher Deine eigene One-man-Show?
«Ja, klar. Ich verbrachte damals so viel Zeit wie nie an der Uni. Aber nicht im Hörsaal, sondern im Kopierraum. Ich kopierte und spiralisierte meine Unterlagen eigenhändig. Irgendwann ging das dann aber nicht mehr, und ich beauftragte eine Druckerei mit der Produktion.»

Welche Nation hat denn nun die regelfestesten Golfer?
(Lacht) «Hm, man sagt ja, die Italiener würden wegen des Prestigefaktors Golf spielen. Und die Amerikaner ‹just for fun›. Und die Deutschen, um die Regeln einhalten zu können?…»

Als Regelexperte ist man an Partys wahrscheinlich so gefragt wie ein Arzt, der ständig um medizinischen Rat gebeten wird
?
«Ich gebe gerne Auskunft. Gerade bei strittigen Themen im Freundeskreis sehnen sich Golferinnen und Golfer nach der Beurteilung ihres Falls durch eine finale Instanz. Wenn ich da helfen kann, dann mache ich das gerne.»

Was dürfen die Leserinnen und Leser von G & 
C von Dir erwarten?
«Mein Grundanliegen ist immer dasselbe: Ich möchte Golferinnen und Golfern helfen, die Regeln besser zu verstehen und anzuwenden. Und das auf eine unterhaltsame und leicht verständliche Art und Weise.»





Anzeige