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REGELN SIND REGELN und für ihre Einhaltung sorgen bei einem Turnier zahlreiche Schiedsrichter.

Kritisch betrachtet: «Regeln sind Regeln sind Regeln»...

– oder «1984» von George Orwell umgekehrt. Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

Anarchie! Kommt mir in den Sinn, wenn ich an 2019 denke. George Orwell hatte die Vision, dass alles überwacht wird und jeder kontrolliert wird. Im Golf war das bis dato so. Die Regel bestätigt die Ausnahme. Das hört man viel. Aber was heisst das eigentlich? Ich dachte immer, dass speziell im Golf alle nach den gleichen Regeln spielen. Die neuste Regel-Revolution sagt mir da aber zwischen den Zeilen etwas anderes.

Viel wurde für die 2019-Ausgabe der Golfregeln übernommen von den Senioren-Regeln oder den Ladies-Regeln oder den Mulligan-Regeln oder den Friendly-Game-Regeln oder den ich-spiele-nach-gar-keinen-Regeln-Regeln. Golf wird immer als Spiel der Traditionen angepriesen. Und plötzlich soll das nicht mehr so sein? Plötzlich bekomme ich gar keine Strafschläge mehr, wenn ich mir einen Vorteil erhasche? Alles ist erlaubt, nur damit es vorwärts geht. Nur damit endlich diese Fünf- oder sogar Sechs-Stunden-Runden Geschichte sind?

Die Regelpäpste haben sich dem Plebs unterworfen. Richtig, weil Golf schon schwer genug ist. Falsch, weil man das schönste Spiel so schon fast zu dilettantisch angeht. Verstehen Sie mich nicht falsch, es macht Sinn, nur noch drei Minuten nach einem Ball zu suchen, der im Rough auf dem übernächsten Fairway verschwunden ist.

Es macht Sinn, dass man nun auch die Spuren der Elefantenherde, die vor einem übers Grün lief, ausbessern kann. Es macht auch Sinn, einen Doppelschlag als Trickschlag zu taxieren und den Strafschlag dafür zu eliminieren.

Es macht aber viel weniger Sinn, wenn ich dem Spieler die Möglichkeit gebe, relativ einfach zu betrügen. In den offiziellen Websites von R&A und USGA wird von «relaxed golfrules» gesprochen. In der neu benannten Penalty Area darf ich den Schläger aufsetzen (und das Gras hinter dem Ball runterdrücken), alles Mögliche wegräumen (und mir so eine freie Schwungbahn schaffen), den Sand im Bunker mit dem Schläger berühren (und den kleinen Haufen hinter dem Ball mit dem Rückschwung wegschieben).

In den Regeln steht dazu das englische Wort «inci­dentally», was «nebenbei» heisst. Anstatt «accidentally», was ich mit «rein absolut zufällig» übersetzen würde. Zwischen den Zeilen lese ich hier, dass die Regelpäpste wussten, was sie auslösen würden. Ich schlage sogar eine Namensänderung vor. Anstatt «Royal&Ancient» neu ­«Royal&Fashionable». Ganz im Sinne des Trends von heute: «Allen alles recht machen».

Der ganze Prozess der neuen Regelfindung geht schon fast ins Politische. Jeder wurde gefragt. Auf der ganzen Welt. Jeder konnte seine Meinung einbringen. Früher hatte man die Regeländerungen einfach zu akzeptieren. Warum das gerade jetzt, in Zeiten der globalen politischen Verunsicherung auch im Golf so sein muss, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Doch Luther und Zwingli haben einander auch nur einmal getroffen und sind nicht Freunde geworden.
Wohin das führt? Das weiss niemand. Warum das nun so sein muss? Das wissen die Wenigsten. Geht es wirklich nur um den Pace of Play? Oder geht es um mehr und nur die Regierung weiss davon? Geht es um eine Neuausrichtung des Sports? Das Ganze abreissen, bevor man etwas Neues aufbauen kann? Was ich weiss, ist, dass Golf immer gelebt und respektiert wurde – gerade wegen der Tradi­tionen, wegen des Status des schwierigen Sports – ja und auch wegen der komplizierten Golfregeln.

Was ich nicht weiss, ist, ob durch die futuristische Anpassung unser geliebter Sport besser wird. Ich wäre dafür, dass wenigstens die Ehre am Abschlag nach wie vor erhalten bleibt. Wer am besten spielt, schlägt zuerst ab.



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