---
facebook twitter google plus print

Der Sinn des Lebens – oder Erwartungen machen das Spiel kaputt

Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

Er stand am Abschlag und sah seinem Ball nach. Weit fliegt er, findet er, und auch noch gerade. Ein Traumschlag. Zufrieden nimmt er sein Tee auf, läuft zurück zum Bag, zieht elegant seinen Handschuh aus und steckt ihn lässig in die hintere Hosentasche. Er hatte ein Schmunzeln auf den Lippen. So hatte es ihm sein Pro immer beschrieben. So musst du das machen.

Als er zum nächsten Ball lief, fiel im die Lage sofort auf. Nicht ganz so toll nach diesem Schlag. Der Ball lag in einem Divot. Er stellte sich mit dem Eisen 8 hinter den Ball und nahm sich Zeit. Er schaute intensiv zur Fahne – da, wo er den Ball landen lassen wollte. Vier Meter links von der Fahne. Der Wind kam von links, nur leicht, aber doch von links. Wieder stellte er sich den perfekten Schlag vor, wieder sah er den Ball genau dort landen und zur Fahne rollen. Ja. So wollte er das. Als er dem Ball nachschaute war er wieder zufrieden. Wie beim ersten Schlag.

So ging es weiter und weiter und er spielte perfektes Golf. Weit über seinen normalen Fähigkeiten. Aber er liess sich nicht beirren, sondern träumte jeden Schlag, stellte sich jeden Schwung perfekt vor, sah jede Flugbahn genau vor sich und fühlte jeden Probeschwung perfekt im Rhythmus.

Plötzlich geschah etwas. Er fand sich in einem Labyrinth von Gängen, hohen Mauern, Spiegeln und Treppen, die nirgendwo hinführten, wieder. Er sah seinen Primarlehrer vor sich, wie er den Finger mahnend erhob. Er rannte durch die Gänge, die Treppen hoch und wieder runter. Vor dem Spiegel, der ihn sehr gross und dünn machte, drehte er wieder um und rannte in die andere Richtung. Er war schweissgebadet. Was war nur los? Warum dieses Chaos? Da stand sein Bruder, der über ihn lachte, seine Ex-Freundin, die einen anderen im Arm hatte. Er war verwirrt, rannte davon. Von weitem sah er den Golfplatz. Da will ich hin, da finde ich meine Ruhe.

Er fand sich wieder vor dem 10. Grün, wo er einen Schlag über den grossen Teich machen musste. Die Fahne war kurz gesteckt, gleich vor der Welle, die nachher nach hinten runterfiel. Wieder stellte er sich die Flugbahn vor und sah den Ball schon neben der Fahne landen, mit leichtem Backspin, damit er stehen bleibt.

Die Anspannung war gewichen. Das Labyrinth in weiter Ferne. Seine Spielpartner waren angenehm, er nahm sie nur schwach war, da er sich auf sein Spiel konzentrierte und in seine eigene Welt abtauchte, wenn er sich fokus­sierte. Die Gespräche zwischen den Schlägen nahm er als wohltuend wahr und bereichernd. Er hatte nun einen schwierigen Putt. Triplebreak links-rechts-links und leicht ­bergauf.

Er hatte Spass an solchen Schlägen. Sie waren eine Herausforderung, doch sie waren auch eine Befriedigung, weil er sie immer reinmachte. Immer. An der 18 hatte er noch einen einfachen Zweimeter-Putt zu seiner perfekten Runde heute. Stilsicher lochte er ein und streckte die Arme in den Himmel. Wie ein Sieg auf der PGA Tour. Er hatte Par gespielt.

Bis er aufwachte, brauchte er ein paar Minuten. Beim Zähneputzen sah er nochmal seine Siegespose. Auf dem Weg zur Arbeit hatte er dieses Lächeln im Gesicht. Er versuchte, sich an den Traum zu erinnern, dachte aber auch darüber nach, warum er diesen Traum gehabt hatte. Er hatte dieses Gefühl auf dem Golfplatz noch nie gehabt, diese Leichtigkeit, diese Sicherheit, dieses Selbstvertrauen und diese Überzeugung bei jedem Schlag. Bis jetzt war er meist verunsichert von seiner Technik, seinem Umfeld, seinen eigenen Erwartungen.

Er fasste einen Entschluss. Von jetzt an spielte er Golf, um es zu geniessen, sich gut zu fühlen und sich «zu vergessen». Ohne Erwartungen.





Anzeige