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Die dreckige Hand wäscht die andere – oder wie eine Fahne unser Volk spaltet

Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

Franz sah Fritz an. Fritz schaute Walti an. Walti schaute Ruedi zu und Ruedi war völlig überfordert. «Nimm sie raus», forderte Fritz. «Nein, das ist doof. Lass sie drin», meinte Franz. Walti stand neben der Fahne und schaute hin und her wie bei einem Ping-Pong-Turnier. Ruedi, ein pensionierter und erfahrener CEO einer internationalen Firma, der es gewohnt war, Entscheidungen zu treffen, stand etwas verwirrt da. Schon die letzten fünf Löcher war er nicht konzentriert, weil es immer wieder darum ging: Fahne drin oder Fahne draussen.

Er hatte ein Video gesehen von einem asiatisch angehauchten Golfer, der allen weismachen wollte, dass die Fahne drin doch besser ist, weil dann ein gewisser Prozentsatz der Bälle mehr ins Loch gehen sollten. Sein Pro, ein schweizerisch angehauchter Langzeitgolfer und Traditionalist, hatte ihm aber plausibel erklärt, dass es stark auf die Fahnenstange und die Geschwindigkeit des Balles ankommt. Es mache einen Unterschied, ob die Fahne aus Fiberglas oder aus Metall sei, oder ob sie unten dicker und dann doch wieder verjüngend geformt sei. Ob sie in Sizilien neben dem Meer steht mit viel Wind oder im Albulatal ohne Wind, dafür leichter.

Er fragte sich, wie er denn das alles evaluieren sollte vor dem Putt. Aber wenn jetzt die Fahne drin war, dann musste der Putt eine andere Geschwindigkeit haben, als wenn der Ball mehr Platz hat im Loch, und deshalb musste er ja auch eine andere Linie spielen. So hatte er das gelernt. Zuerst Grün lesen, dann Geschwindigkeit entscheiden und zum Schluss den Ball noch genau dahin spielen, dass er auch reingeht. Schon schwierig genug, wie seine Puttstatistik zeigte.

Ruedi war ein Traditionalist, der aber auch einsah, dass für einen langen Putt – und das waren die meisten ersten Putts von ihm und seinen Kollegen – die Fahne im Loch Sinn machte. Aber für die kurzen, also drei bis fünf Meter, er das Gefühl hatte, dass der Ball gar keinen Platz im Loch hat. Er hatte auf der PGA Tour gesehen, dass immer weniger der anfangs enthusiastischen Verfechter der «Fahne drin»-Koali­tion diese immer noch drinlassen. Vielleicht hatten sich die Caddies beschwert, dass sie weniger Arbeit hätten und es doch die Tradition sei, einem Spieler die Fahne zu bedienen.

Genau das fand Ruedi eben auch. Es war ein Respekt, wenn man jemandem die Fahne bediente. Das Wort sagt es ja schon. Es war Tradition, wenn man den Flight fragte, ob man die Fahne bedient haben möchte. Es entstand ein Dialog und eine Art Höflichkeit wurde dargeboten. Das zauberte Ruedi ein leichtes Lächeln ins Gesicht. Ah, die guten alten Werte.

Was ihn aber am meisten nervte, und seine Mundwinkel gingen leicht nach unten, war, dass er nach jeder Runde einen dreckigen Handschuh hatte. Die Bälle wieder aus dem Loch zu klauben mit der Fahne noch drin, war absolut mühsam. Er sah auch schon Bälle ins Loch fallen, die einen Zentimeter neben dem Loch stehen geblieben sind – aber weil das Loch komplett ausgefranst war, da die Leute ihre nicht immer zarten Finger zwischen Fahne und Loch reinrammten oder einfach rücksichtslos die Fahne rausrissen und so die zarte Kante beschädigten – fielen diese Bälle dann doch noch rein. So war das nicht gedacht mit den grösseren Löchern, oder?

Er hörte von weitem seinen Namen. «Ruedi, Ruuuuediiii.» Er schaute sich um, und da standen all seine Golfkumpels um ihn herum. «Alles klar?» Er merkte, dass er leicht abwesend gewesen war für eine kurze Zeit. Also stand er da, immer noch mit der Fahne in der Hand, und schaute sich um. «Jungs, können wir es einfach wieder machen wie früher mit dieser doofen Fahne, und sie bedienen?» Die Kumpels schauten sich an, nickten leicht mit dem Kopf und fingen an zu lachen.

Die Welt für Ruedi war wieder in Ordnung, auch wenn er jetzt noch das ganze Loch an der Fahne hatte, als er doch noch versuchte, die Bälle aus dem Loch zu holen, indem er an der Fahne zog. Alle brachen in schallendes Gelächter aus. And they lived happily ever after.

 

Foto: GettyImages




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