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Herr Schmutz-Lee spielt Golf – oder wie Golf eine Beziehung testen kann

Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

Die Mutter zweier Kinder und Tochter von einem Senioren-Neu-Golfer stand vor dem Regal mit den vielen Dingern, deren Namen sie nicht kannte und die viel Fantasie brauchten, um zu erraten, wofür sie gebraucht werden. Sie war seit August am Suchen. Just zu diesem Zeitpunkt hat ihr Vater, der Senioren-Neu-Golfer, angefangen zu golfen. Nicht Minigolf, wie sie anfangs meinte, sondern das, wo man den weissen Ball weit schlägt, bevor man ihn suchen geht.

Sie hatte sich im Internet schlau gemacht und Dinge gefunden wie Orange Whip, Supersonic, The Hanger, Medicus und Swingshirt. Oder Tour Angle, Tour Striker und den Momentus.

Aber auch mit den Bildern dazu konnte sie sich nicht vorstellen, wozu man so etwas gebrauchen kann. Und vor allem nicht ihr Vater. Er wollte doch nicht auf die Tour. Also kamen all diese Tour-Dinger schon mal nicht in Frage. Eine logische Schlussfolgerung, wie sie fand.

Und dann waren da noch die Preise. «Wow», dachte sie, «er ist zwar mein Vater, aber es ist ja nur ein Hobby, oder?» Weil das Ding, das Rangefinder heisst und womit man angeblich Distanzen messen kann locker mal 500 Franken kostet – oder eine Uhr mit denselben Fähigkeiten war auch in diesem Preissegment. Sie war sich sicher, dass ihr Vater nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Und nachdem der Verkäufer ihr erklärte, dass die Voraussetzung dafür sei, dass man die Distanzen der eigenen Schläge kennen muss, fiel das auch weg.

Hätte sie doch damals, als sie im Studium war, angefangen Golf zu spielen. Wie ihr Freund damals. Doch dafür war es jetzt zu spät. Sie musste da durch und schaute sich weiter um. An der nächsten Wand hingen Perlenketten. Dachte sie auf jeden Fall. Bis sie las, was auf dem Etikett stand: «Zählbohnen» Aha... Sie konnte erahnen, wofür diese waren. Sie zählte die Bohnen und kam auf acht. Ihr Vater hatte ihr immer gesagt, dass er zu viele Schläge brauche und sich auch nicht wirklich merken konnte, wie viele er jetzt tatsächlich gemacht hatte. Es müssen aber mindestens zehn gewesen sein. Also fehlten zwei Bohnen. Der Einkaufskorb blieb weiter leer.

Neben den Bohnen hing eine Schnur. Eine einfache Schnur mit einem kleine Ring oben dran. Der Verkäufer, der hinter ihr stand und sie beobachtete, schmunzelte leicht. «Ach das. Wissen Sie, die Golfregeln wurden geändert, und diese Schnur ist eine Messschnur, von welcher Höhe man den Ball fallen lassen muss.»

Sie schaute ihn sehr ungläubig an. Die Schnur war ja nur zirka 40 Zentimeter lang. Wie konnte das also gut sein. Der Spieler müsste ja sehr gebückt, unbequem und auch unvorteilhaft dastehen, um so weit runterzukommen. Sie schüttelte den Kopf und wurde langsam etwas ungeduldig. «Ich wünschte, mein Vater hätte nie mit Golf angefangen», dachte sie. Andererseits tat es ihm gut, dass er raus kam und sich bewegte. Also konzentrierte sie sich noch mal und schaute weiter.

Ihr gefielen die bunten Bälle, also landeten die im Einkaufskorb. Eine gute Wahl, wie ihr der Verkäufer versicherte. Da sie erst danach den Preis sah, wusste sie, für wen diese Wahl gut war. Sie fragte den Verkäufer, was er denn seinem Vater auf Weihnachten schenken würde. Für ihn sei das Beste im Moment dieses Swingshirt.

Ein orangenes Dreieck, das der Golfer sich über den Kopf zog und das die Arme extrem an den Körper drückte, sodass man aussah wie ein Verkehrspylon am Strassenrand. Sie stellte sich ihren Vater vor – der doch einen kleinen Ranzen hatte – in diesem Shirt. Also wenn er jemals reinkam in das Shirt, dann kam er bestimmt nie mehr raus. Das war klar.

Sie entschied sich, ihm eine Golfstunde zu schenken. Also einen Gutschein dafür. Weil, wenn es ihm nichts nützte, dann hat wenigstens der Golflehrer etwas davon.



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Foto: Getty Images




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