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VERFLIXT: David Fichardt lässt seiner Wut mit einem Schlägerwurf freien Lauf.

Kritisch betrachtet: Die verflixte 7...

...oder warum Stableford unseren Sport kaputt macht. Eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern.

«Wievilll liiiiisch?!», schreit die Mitfünzigerin im neusten «Tscherwo»-Outfit und der klassischen Hochsteckfrisur ihrem Spielpartner zu. Der war damit beschäftigt, nach dem dritten missglückten Bunkerschlag den Sand wieder aus seinen Haaren zu entfernen und aus dem Mund zu spucken. Just als er sie schreien hörte, lag seine Zunge noch leicht ausserhalb seiner Lippen, mit noch ein paar Sandkörnchen dran, und er war sicher, dass er ziemlich bedeppert dreinschaute.

War er jetzt mit dem vierten oder dritten Schlag in diesem Bunker gelandet, und zählte das eine Mal, als er beim zweiten Schlag mit der Schaufelbewegung seines neuen Vokey Wedges im Rückschwung den Sand wegzuckerte? Er sah sie auf sich zukommen, etwas schnaubend, weil er ihr immer noch keine Antwort geben konnte.

«Ähh, ich glaube … 7?», meinte er. «Den chasch en ufnäh. Es git eh kei Pünkt meh», so ihr Kommentar. Er wusste nicht, was schlimmer war: das Krächzen ihrer Stimme oder dass er beim nächsten Schlag auch noch den Ball hinten ins Out gehauen hat, und den Ball also – zumindest physisch – nicht mehr aufnehmen konnte.

Diesem NeoGolfer ist das Stabelford in die Quere gekommen. Eine Zählform, wo man einfach den Ball aufnehmen kann, in einem Spiel, wo in den ersten niedergeschriebenen Regeln von 1744 steht: «Auch wenn Knochen, Steine und zerschmetterte Schläger um den Ball liegen, sollte er gespielt werden, wie er liegt.»

Ein weiter Weg, finde ich, der dem Golfer nicht gut tut. Es gibt verschiedene Diskussionen, warum Stableford nicht gut ist. Und warum Strokeplay-Brutto besser wäre. Vor allem für den Spieler. Für den Spass und die Fähigkeiten, die sich ein Spieler aneignen muss, um in diesem Sport gut zu werden oder Spass zu haben. Und ich glaube, genau hier liegt das Problem.

Warum sind wir nicht mehr bereit, einen Sport, den wir vielleicht 30 bis 40 Jahre lang spielen, nicht auch wirklich zu lernen? Nach der Platzreife sehen die Pros ihre Neogolfer oft nicht mehr. Die Spieler denken: «Jetzt kann ichs ja.» Warum ist man nicht bereit, mal eine 17 auf einem Loch zu schreiben – übrigens mein höchstes Score anno 1984 auf dem 17. Loch in Schönenberg – und die Lehren daraus zu ziehen? Sie denken jetzt vielleicht, ich sei traumatisiert von diesem Ergebnis von damals. Ich bin es nicht, aber ich habe gelernt, dass ich dem Spiel noch nicht gewachsen war. Es fehlten mir damals die mentalen Fähigkeiten, mit zwei Outbällen hintereinander umzugehen. Es fehlte mir die Fähigkeit, mich zu beruhigen.

Als er ihren Blick spürte, nachdem auch der zweite Ball am nächsten Loch ins Gebüsch rechts flog, wurde es ihm flau in der Magengegend. Er wollte eigentlich nicht mehr weiterspielen, er wollte jetzt einfach weglaufen und etwas tun, was ihm Spass machte. Bier trinken oder Briefmarken sammeln. Aber Golf? Nein, das ist ja viel zu schwer. Und da hilft es nicht, wenn man sich nicht durchbeissen muss, sondern einfach eine neue Chance haben kann am nächsten Loch, mit dem Damoklesschwert der letzten Löcher, die man vielleicht verhauen hat, über dem Kopf.

Der Unterschied, warum Ihr Pro vermutlich besser Golf spielen kann, ist nicht, weil er mehr trainiert oder spielt. Das tun Sie. Der Unterschied liegt daran, dass wir gelernt haben, den Golfball um den Platz zu bewegen, auch wenn es mal einen unkonventionellen Schwung braucht dazu, oder einen Schlag mit der Rückseite des Schlägers.

Ich könnte hier Tausende Fähigkeiten (Skills) eines sehr guten Spielers oder Pros auflisten, doch dazu fehlt leider der Platz. Was ich sagen will: Vergessen Sie den perfekten geraden Schlag mit einem perfekten Lehrbuch-Golfschwung. Lernen Sie, auf dem Platz zu überleben. Und dazu brauchen Sie Skills und Kreativität.

TEXT: MISCHA PETER; Foto: Getty Images