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«Slow play» … oder kündigen Sie Ihr Teleclub- oder Sky-Abo

Kritisch betrachtet, eine Kolumne von Mischa Peter, Swiss PGA Pro im Golfpark Holzhäusern

Schreib doch schnell was über Slow Play, sagte mein Chefredaktor. Sarkasmus, fragte ich mich? Als er das sagte, sah ich vor meinem geistigen Auge, wie Bryson DeChambeau sechs Probeschwünge machte und sich mindestens eine Minute mit seinem Caddie über Luftfeuchtigkeit, Windrichtung, Anzahl der Regenwürmer im Boden und Graswuchsrichtung auf dem Grün unterhielt, und wie viel Prozent Rückschwung er deswegen machen musste.

Ich sah Tiger Woods von allen Seiten ums Loch tigern und den 80-Zentimeter-Putt von allen möglichen Seiten anschauen, in die Knie gehen, wieder hoch, 90 Grad nach links und wieder hinknien, Kopf nach links, Kopf nach rechts. Jeden Grashalm persönlich kennenlernen mit Name und Stammbaum. Die Schläge von Bryson und Tiger waren natürlich perfekt. Weil es dann bis zum Schlag noch mal mindestens eine halbe Ewigkeit ging, bis der Ball da war, wo er hinsollte.

Alle reden von Slow play. Keiner sieht die Schuld dafür aber bei sich. Die Regeln wurden deshalb geändert. Richtzeiten werden auf Scorekarten gedruckt. Die Flugdistanzen der Golfschläger werden jedes Jahr als noch länger verkauft, damit man weniger Schläge haben soll, Elektrotrolleys haben einen schnelleren Gang, damit man schneller läuft. (Das ist aber vermutlich ein Gerücht.)

Nur schon, dass man den Begriff und das Konzept von «Ready Golf» einführen musste, zeugt von Hilflosigkeit. Ein Begriff für etwas, das selbstverständlich sein sollte? Ein Konzept, das sich gegen die Traditionen des Sports – Ehre und Aufmerksamkeit – stellt?

Wenn wir vor 30 Jahren mehr als 3 3/4 Stunden für 18 Loch brauchten, wurde ein Suchtrupp samt Helikopter-Unterstützung losgeschickt. Heute akzeptiert man das einfach, dass eine Runde auch mal sechs Stunden dauern kann. Ein Skandal. Und was tut die Golfindustrie dagegen?

Alles wird darangesetzt, den Schwung zu verbessern, den Driver länger zu machen, den richtigen Putter für den eigenen Körperbau und Schwungkreis, die richtigen Schuhe mit den Spikes, die das Abstossen vom rechten Fuss verbessern, und die Drehfreudigkeit des Fussgelenkes zu testen. Der Handschuh aus speziellem Cabrera-Leder, der ein noch weicheres Händchen am Griff garantieren soll.

Wer von Ihnen hat aber schon mal was gekauft, um sein Spiel auf dem Platz zu verbessern? Wer hatte schon mal eine Golflektion mit dem Thema «Spiel beschleunigen»? Wir schauen alle den grossen Spielern am TV zu und sehen, was sie machen. Wir hoffen, etwas zu sehen, das uns hilft, besser zu schwingen. Und im Unterbewusstsein adaptieren wir das Gehabe und die Routine dieser Spieler. Ihre Macken und ihr langsames Getue.

Im Tennis musste eine Shotclock eingeführt werden, weil Nadal zu lange hinten und vorne an seiner Hose rumzupfte, dann an Nase, Ohr, Leibchen, rechter und linker Haarlocke rumfummelte, weil Djokovic den Ball nach 30-mal Aufprallen immer noch nicht richtig spürte.

Also kommen wir doch von der Champions League zurück auf ein normales Amateurspiel. Kündigen Sie ihr Sky-Abo und kommen wir zurück zum Spass des Spiels. Der Speedgolf-Weltmeister brauchte letztes Jahr für 18 Loch und einen Score von 71 Schlägen nur 55 Minuten. Also ziehe ich die Schlussfolgerung, dass gutes Golf nicht mit grossem Zeitaufwand verknüpft ist.

Wir spielen für Spass und Ehre. Für soziales Gefüge und vielleicht für ein Handicap. Aber bitte lassen wir, dass wir denken, wir müssen es machen wie am TV. Anschauen, hinstellen, Probeschwung, Schlag. So sollte das bei uns sein. Ich garantiere Ihnen, dass Sie mehr Spass haben, wenn Sie auf dem Golfplatz weniger denken. Sonst wäre ich nicht Golf-Pro geworden.





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