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Spektakulär: Portstewart wurde in eine mondartige und imposante Landschaft integiert.

Symphonie aus Farben, Wind und Dünen

Nordirland steht als Gast­geber des The Open 2019 im internationalen Rampenlicht. Golf&Country hat die sensationelle Golfdestina­tion bereits vorab besucht.

Wieder einmal war Golf&Country zu Gast bei den vielleicht gastfreundlichsten Europäern und konnte einige Plätze in Nordirland erkunden und geniessen. Das kleine Land ist nicht einmal halb so gross wie die Schweiz, zählt aber über 100 Golfanlagen, und viele davon haben nicht nur einen, sondern gleich mehrere Plätze auf ihrem Terrain. Da kommen Golfer aller Spielstärken voll auf ihre Kosten.

Parkland-Golf zum Auftakt
Viel Zeit zur Akklimatisation blieb nach der doch recht langen Anfahrt von Dublin (Direktflüge nach Belfast gibt es ab Zürich aktuell nicht) keine, denn bereits am ersten Tag stand eine Runde auf dem Galgorm Castle Golf Club auf dem Programm. Der Platz ist mit 7105 Yards recht lang und von den Backtees sind ein paar üppige Carries, zum Teil über Wasser oder Rough, zu bewältigen, um den Ball nur schon mal auf die Fairways zu befördern. Von den vorderen Abschlägen, die wir benützen durften, werden die Aufgaben allerdings etwas leichter, auch wenn gut platzierte Drives gefragt sind, um den wenigen, aber strategisch gut platzierten Fairwaybunkern und den Wasserhindernissen aus dem Weg zu gehen. Und die Annäherungen an die stark ondulierten und gut verteidigten Greens fordern selbst sehr talentierte Spieler. Etwas erstaunlich ist, dass auf dem doch recht anspruchsvollen Platz kein Handicap nachgewiesen werden muss, zeigt aber, dass Golf im ganzen UK wirklich etwas für alle ist.

Das nahe gelegene Galgorm Castle Resort&Spa ist ein idyllisch gelegenes, mehrfach ausgezeichnetes Hotel, in dem Gäste alle Annehmlichkeiten von grosszügigen Zimmern und Suiten, zwei Restaurants, einem grossen Spa und sogar einer 9-Loch-Pitch-and-Putt-Golfanlage finden. Nur eine kurze Fahrstrecke entfernt liegen drei weitere Plätze, darunter der schon seit 1895 bestehende Massareene Golf Club, der direkt am Lough Neagh liegt und 2018 vom Golfer Guide to Ireland mit dem «Hidden Gem Award» ausgezeichnet wurde. Leider hatten wir aber keine Zeit, das versteckte Juwel selbst zu testen.

Hotel mit Charme
Als Basis für die Plätze an der Küste und auch einen Besuch des Giant’s Causeways wurde uns das Bushmills Inn im gleichnamigen Städtchen empfohlen, und selten war ein Hinweis so wertvoll. Das Hotel ist in eine ehemalige Postkutschenstation integriert worden und bietet für die Gäste 41 schöne, grosszügige Zimmer – einige davon auf zwei Etagen mit Schlafbereich unter den Schrägdächern –, urgemütliche Atmosphäre und eine ausgezeichnete Küche.

Die Gastfreundschaft geht so weit, dass zu Ehren der am weitesten angereisten Besucher jeweils deren Landesfahne über einem kleinen Turm, dem ältesten Teil des Hauses aus dem ­17. Jahrhundert, gehisst wird. Nicht weit entfernt sind zwei Attraktionen zu finden, die man nicht auslassen sollte: direkt im Städtchen die Old Bushmills Distillery, die älteste Whiskeybrennerei in Irland, und dann natürlich der weltberühmte Giant’s Causeway, eine von Irlands Top-Besucherattraktionen.

Der Legende nach hatte der Riese Fionn mac Cumhaill aus Felsstücken eine Brücke gebaut, um seinem Kontrahenten Benandonner in Schottland seine Stärke zu demonstrieren. Tatsächlich stammen die rund 40 000 fast perfekt sechseckigen Basaltsäulen von einem Vulkanausbruch vor 60 Millionen Jahren. Doch in Irland, dem Land der Mythen und Sagen, wird die Geschichte vom grossen Fionn und dem noch grös­seren Benandonner wohl ewig weiterleben.

Zwei Kurse von Harry Colt
Der berühmte Dunluce Course war 1951 Schauplatz der Open Championship – das bisher einzige Mal, an dem das Turnier ausserhalb von Schottland und England ausgetragen wurde. Der Sieger Max Faulkner bekam damals ein Preisgeld von 300 Pfund. Wie sich die Zeiten geändert haben, denn im Juli wird das älteste Major nach Nordirland zurückkehren, und da geht es um ganz andere Summen.

Aufgrund der zeitgleich stattfindenden British Boys Amateur Championships mussten wir eben auf den Valley Course ausweichen, und das erwies sich rückblickend betrachtet vielleicht als Segen, denn der bekanntere «Hauptplatz» soll mit seinen teuflischen Rough und Heidekrautbüschen und den äussert schwierig zu treffenden Greens nur von sehr versierten Spielern zu meistern sein.

Der kleine Bruder, der drei Jahre nach dem Dunluce ebenfalls von Colt gestaltet wurde, ist hingegen etwas freundlicher, ein wahrer Augenöffner und der vielleicht unterbewertetste Platz in ganz Irland. Das Gelände ist so gut, dass der von Tom Doak einmal respektvoll «Maestro» genannte Designer nur rund 20 Bunker anlegen musste, um die Sache noch einen Tick interessanter und spannender zu machen. Bedingt durch die tiefere Lage, fehlen auf dem Platz zwar die spektakulären Aussichten auf das Meer und die unweit gelegene Burgruine, von welcher der Dunluce seinen Namen hat, doch das Routing durch die Sandhügel ist sehr geschickt angelegt, die Spielbahnen äusserst abwechslungsreich und der Platzzustand absolut auf Augenhöhe mit dem grossen Nachbarn.

Leider fielen auf diesem Klasseplatz zwei der besten Löcher dem Umbau des Dunluce zum Opfer: das alte fünfte, ein kurzes Par 4, und das sechste Loch (Par 3), beide am Fuss einer gigantischen Düne gelegen. Auf dem Valley Course ist das Preis-Leistungs-Verhältnis mit Preisen um die 50 Pfund pro Runde dagegen schlicht unübertroffen.

54 Löcher Golfvergnügen
Der nur wenige Kilometer von Portrush entfernte Portstewart Golf Club steht etwas im Schatten seines Nachbarn, doch der Strand Course wurde schon beim ersten Augenschein zu einem unserer Lieblingsorte. Bereits der erste Abschlag von hoch oben auf den tief gelegenen und dann wieder ansteigenden Fairway verspricht ein Erlebnis der Marke «Extraklasse», und das zweite Loch «Devil’s Hill» übertrifft diesbezüglich fast alles, was wir je spielen durften.

Der Abschlag – wieder balkonartig angelegt – muss eine enge, vielleicht 20 Meter breite Schneise zwischen zwei turmhohen Dünen überwinden, um zuerst einmal den nicht einmal 100 Meter weiter vorne beginnenden, sehr schmalen Fairway zu erreichen. Das zweite Loch in Portstewart ist wunderschön und teuflisch schwierig zugleich – das Meisterwerk eines lokalen Lehrers namens Des Giffen, der 1980 für die «neuen» Löcher 2 bis 8 verantwortlich zeichnete. Als Entschädigung folgt danach ein weit nach unten führendes, tolles Par 3, und so geht es munter weiter. Jede Bahn hat ihren eigenen Charakter, und die sieben neuen aus dem Jahr 1980 harmonieren grossartig mit den elf alten, die 1894 von Willie Park gebaut wurden.

Nach der Wende an der Neun präsentiert sich das Gelände etwas weniger wild, doch die Spielbahnen bleiben interessant, spannend und auch «tricky», allen voran das zwölfte Loch, ein Par 3 mit einem in die Spitze einer Düne geschnittenem Tee, das sich – aber klar doch – wieder mit Gegenwind spielt. Auf den Backnine fehlt es dem «Strand» also etwas an der – ohnehin kaum  zu toppenden – schieren Wucht und Dramatik, dafür kann man aber die Fernsicht über den Strand, die beiden Küstenstädtchen Portstewart und Castlerock, das Flüsschen Bann und – bei guter Witterung – bis zur schottischen Insel Islay geniessen und vielleicht die Scorekarte leicht zum Besseren gestalten.

Für Golfreisende, die auch mal eine entspannt-gemütliche Runde einschieben wollen, bietet Portstewart zudem noch zwei weitere 18-Loch-Plätze, den Old und den Riverside, die deutlich einfacher zu spielen sind und zudem mit günstigen Greenfees von 15 bis 25 Pfund das Budget schonen. Mit dem Ersparten sollte man sich einen Besuch in Harry’s Shack gönnen. Das nur einen Wedgeshot vom ersten Tee des «Strand» gelegene Fischrestaurant direkt am Strand serviert die besten Fish&Chips (und andere Köstlichkeiten) weit und breit. Fazit: Wer nach Nordirland reist und Portstewart auslässt, ist selber schuld.

Castlerock: idealer Einstieg

Wäre da nicht die Flussmündung des River Bann, könnte man von Portstewart gleich zu Fuss zum nächsten Club im zwei Kilometer entfernten Castle­rock wandern. Der Mussenden Links wurde vom schottischen Masterclubmaker Ben Sayers als 9-Loch-Platz angelegt und später von Harry Colt auf 18 Löcher ergänzt. Die letzten Änderungen stammen von Martin Hawtree, doch obwohl alle drei Designer solide Arbeit geleistet haben, fehlt es dem Platz – abgesehen vom Schlussspurt mit den erstklassigen Löchern 16 bis 18 – etwas an Panasch. Immerhin ist der Platz sehr gut unterhalten und die Greenfees deutlich tiefer als auf den beiden grossen Nachbarcourses. Unser Tipp: Castlerock als Aufwärmrunde für Portrush und Portstewart spielen.

Geheimtipp in Belfast
Knapp ausserhalb des Stadtzentrums der nordirischen Hauptstadt liegt ein Platz, der wohl von den wenigsten Reisenden beachtet wird, und das zu Unrecht. Der Belvoir Park Golf Club wurde 1927 gegründet, und es war wieder Harry Colt, der den bis heute praktisch unverändert gebliebenen Platz baute. Mit seinem alten Baumbestand, intelligentem Routing und sehr guter Platzpflege können wir einen Besuch wärmstens empfehlen – und die Mitarbeiter und Clubmitglieder überschlagen sich fast vor Freude über Besucher aus dem Ausland.

Zusätzliche Informationen und Fakten sowie weitere Bilder sämtlicher Golfplätze unseres Besuchs von Nordirland finden Sie hier.

Text: Peter Hodel

 

 


Fotos: Derek Robinson; Tourism Northern Ireland; Belvoir Park GC; Tourism Northern Ireland; Galgorm Castle GC



Kleiner Bruder: Der Valley Course von Royal Portrush steht zu Unrecht im Schatten des Gastgebers des The Open.

Aushängeschild: Der Dunluce Course von Royal Portrush wird die weltbesten Spieler fordern.

Idyllisch: Das Galgorm Castle Resort & Spa mit hauseigener 9-Loch-Pitch-and-Putt-Golfanlage.

Imposant: Die atemberaubende Dünen­landschaft von Portstewart. Im Bild Loch 2 des Strand Courses.

Klassisch: Das neunte Loch des Castlerock Golf Clubs wird von Dünen umrahmt und verteidigt.

Kontrast: Der Belvoir Park GC bietet als Parklandkurs Abwechslung zu den Linksplätzen.



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