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Die Junioren im GC Ybrig zeigen schon vor dem Training ihren Teamgeist.

Zwanzig Jahre hintendrein – oder um Meilen voraus?

Immer mehr Kids spielen Golf. Doch wird der Schweizer Nachwuchs auch optimal gefördert? Die Meinungen gehen auseinander.

Im Golfclub Ybrig ist Juniorentag. Rund 30 Kids driven, chippen, pitchen und putten, was Equipment, Konstitution und Ausdauer hergeben. Und wie immer bei solchen Gelegenheiten beschleicht den Spätberufenen derselbe Gedanke: «Ach, hätte ich doch auch die Chance gehabt, schon als Kind mit diesem verflixten Spiel zu beginnen!» Doch der leise Frust wird rasch übertüncht von der Begeisterung, mit der immer mehr Girls und Boys hier zu Lande die Schläger schwingen.


Die Zahlen sprechen für sich: 1995, als dem Schweizerischen Golfverband insgesamt 51 Clubs und rund 25 000 Mitglieder angeschlossen waren, wies die ASG in ihrer jährlichen Mitgliederstatistik erstmals die Spielerinnen und Spieler im Juniorenalter gesondert aus. Da damals noch alle Frauen und Männer bis 21 Jahre als Junioren galten, zählte man in der Schweiz exakt 938 weibliche und 1577 männliche Nachwuchsgolferinnen und -golfer. Heute liegt das Juniorenalter in ganz Europa bei 18, und die neuste ASG-Mitgliederstatistik registriert 2223 Mädels und 4845 Jungs, total also rund 7000 Kids.


Solche Zahlen nehmen natürlich auch die «Pflegefamilien» in die Pflicht, egal, ob sie nun Migros, ASGI oder ASG heissen. «Zusammen mit den Clubs und externen Stellen wie dem Bundesamt für Sport in Magglingen, dem Sportgymnasium Davos oder der Swiss PGA haben wir in den jüngsten Jahren viel erreicht», sagt Barbara Eberhart. Seit rund zehn Jahren ist die ehemalige Juniorenskipperin des GC Hittnau als Vorstandsmitglied im Schweizerischen Golfverband zuständig für den Nachwuchsbereich.


Basisarbeit in den Clubs


Bevor die fähigsten Girls und Boys in den so genannten Regionalkadern erstmals unter die Fittiche der ASG kommen, ist Basisarbeit in den Clubs angesagt. Jeder Verein hat eine Juniorenverantwortliche beziehungsweise einen Juniorenverantwortlichen, die oder der in enger Zusammenarbeit mit einem oder mehreren Pros des Clubs die Nachwuchsabteilung betreut. In dieser Phase bietet der Verband vor allem zwei Hilfestellungen an: Unterstützt vom Bundesamt für Sport (BASPO) und der Swiss PGA organisiert die ASG einen sechstägigen J+S-Leiterkurs Golf sowie verschiedene ein- bis zweitägige Weiterbildungen für Juniorencaptains und Swiss PGA Pros. Zudem stellt der Verband den Nachwuchsverantwortlichen reichlich Basismaterial zur Verfügung – vom Präsenzformular bis zum kompletten Lehrbuch und der dazugehörenden CD (www.asg.ch/juniors/d/01-home/home.asp).


Gewissermassen als «Motivationsspritzen» schaffte die ASG zusätzlich Anreize, sowohl für die Kids als auch für die Clubkassiere. Für die jüngsten Golfenden gibt es zum Beispiel Bronze-, Silber- und Goldtests, gefolgt von «My First Handicap», später dem Brevet sportif. Bei den Mädels lockt das «Girls & Golf»-Programm und dessen Fortsetzung bei den Birdie- und den Eagle-Girls. Und nach einem leistungsbezogenen Schlüssel werden 150 000 Credit-Suisse-Franken für die Juniorenförderung an die Clubs verteilt.


Was verbindet Golf und Grasski?


Ein kurzer Blick auf die Stellung des Golfs im «Sportsystem Schweiz»: Wie 81 andere Verbände ist die ASG dem Dachverband Swiss Olympic angeschlossen. Dort allerdings dümpelt der Golfsport vor sich hin, im Kielwasser mächtiger «Dampfer» wie zum Beispiel Eishockey, Tennis oder Fussball – und das, obwohl der Golfverband dank der «Fusion» mit ASGI und Migros zum zehntgrössten Sportverband der Schweiz avanciert ist. Doch bei Swiss Olympic ist Golf immer noch in die Kategorie 4 eingeteilt, der zweituntersten Stufe, was Förderung (und Fördergelder …) angeht. Dort hofft Golf neben Sportarten wie Billard, Grasski oder Minigolf auf Erlösung. Aber die naht erst dann, wenn das Schweizer Golf vor allem eines vorweisen kann: internationale Erfolge.


Auch bei Jugend + Sport (J+S), dem Förderprogramm von Bund und Kantonen, sitzt der Golfsport nicht in der ersten Reihe. Er ist in die so genannte «Nutzergruppe 6» eingeteilt, wie zum Beispiel auch Schiessen oder Hornussen. Da dieses «Nutzergruppen-Ranking» letztlich darüber entscheidet, ob und wie stark ein Verband beziehungsweise seine Jugendarbeit finanziell unterstützt wird, hat die ASG ein Gesuch um «Upgrading» gestellt.


Rolf Altorfer vom Bundesamt für Sport: «Die Chancen sind da, dass Golf noch in diesem Jahr in die Nutzergruppe 1 aufsteigt.» Was das bedeuten kann, erläutert Altorfer am Beispiel des Unihockeyverbandes, der mit 28 000 Mitgliedern etwa drei Mal kleiner ist als die ASG: «Dieser Verband ist in Nutzergruppe 2 eingeteilt und wurde von J+S im vergangenen Jahr mit rund zwei Millionen Franken unterstützt», sagt Altorfer.


Olympia 2016 als Chance


Bei Swiss Olympic gibt es so genannte «Verbandsberater». Matthias Baumberger ist einer von ihnen und in dieser Funktion auch für den Golfsport zuständig. Er sagt: «Der Golfverband ist bei einer Grösse angelangt, bei der es durchaus Sinn machen würde, sich wieder einmal zu überlegen, wohin die Reise gehen soll.» Die zentrale Frage, so Baumberger, sei folgende: «Will man als Verband so bleiben wie man ist, oder soll die Komponente Leistungssport gestärkt werden?»


Der Zeitpunkt für eine solche Standortbestimmung und eine eventuelle Neuausrichtung ist tatsächlich günstig: Neben dem erwähnten «Upgrading» bei J+S könnte Golf im Jahr 2016, nach zwei schon etwas in Vergessenheit geratenen Gastspielen anno 1900 und 1904, wieder «olympisch» werden. Und als olympische Sportart würde Golf auch innerhalb der Swiss-Olympic-Familie besser dastehen – und zwar in jeder Beziehung.


Ob das Zeitfenster für Schweizer Golfende gross genug ist, um Ausschau zu halten nach olympischen Ehren? Ursula Göldi von der ASGI Deutschschweiz ist skeptisch: «Es gibt zwar in einigen Clubs Juniorenprogramme, die durchaus professionell sind», sagt die ausgebildete Turn- und Sportlehrerin. «Aber keines von ihnen ist mit den nationalen Förderungsstrukturen verknüpft. Deshalb hinkt das Schweizer Golf 20 Jahre hinterher, mindestens dann, wenn man es unter dem Aspekt Leistungssport betrachtet.»


Zeit- und Energieverlust


Göldi bemängelt unter anderem das landesweit vorherrschende Grundmodell, bei dem den Clubs und deren Pros zu lange die Hauptrollen zukommen. «Ab einer gewissen Stufe sollten talentierte Junioren in Trainingsstützpunkten und in Leistungszentren gefördert werden», sagt die Inhaberin des Nationaltrainer-Diploms. Ausserdem werde das Know-how, das bei Swiss Olympic, im BASPO und bei anderen «Dienststellen» des Schweizer Sports im Überfluss vorhanden sei, nicht oder zu wenig genutzt. Und das sei schade, bedauert Göldi: «Wenn man glaubt, jedes Mal das Rad neu erfinden zu müssen, geht viel Zeit und Energie verloren.»


Göldis Lagebeurteilung deckt sich nicht mit jener von ASG-Präsident Louis Balthasar. Der hatte im Januar in seiner Einführung zur Delegiertenversammlung 2009 gesagt, die Nachwuchsförderung der ASG brauche den Vergleich mit jener in anderen Sportverbänden nicht zu scheuen, im Gegenteil: «Ich meine sogar, dass wir vielen Sportarten mit unseren Programmen um Meilen voraus sind.»


Zurück von der Theorie in die Praxis: Aktuell haben 24 Girls und Boys den «Übertritt»aus der Obhut ihrer Clubs in eines der zwei Regionalkader der ASG (Ost und West) geschafft. Hier werden sie zusätzlich zum Techniktraining bei ihrem Clubpro von zwei vollamtlichen ASG-Coaches betreut und auf ihre Aufgabe in nationalen und internationalen Turnieren sowie den Aufstieg in eines der Nationalkader vorbereitet.

 

Früher waren es noch vier Regionalkader à 12 Plätze und vier Teilzeitcoaches. Doch die Halbierung ist nicht etwa eine Sparmassnahme, sie war laut Barbara Eberhart schon immer geplant. «Unser Nachwuchskonzept sah von Anfang an vor, dass wir, nach einer eher in die Breite orientierten Phase, ab 2007 mehr in die Tiefe gehen würden», sagt sie. «Ich denke sogar, dass wir die Regionalkader noch weiter verkleinern sollten, damit wirklich nur die Besten gefördert werden.»


Was tun Migros und ASGI?


Bei den Public-Golf-«Verbänden», der Migros und der ASGI, sind die Ausgangslagen unterschiedlich: Da in jedem M-Golfpark auch ein autonomer Club mit einer eigenen Juniorenabteilung «zuause» ist, werden rund 600 Migros-Junioren schon mal klassisch «erstversorgt».


Von den 6100 Golferinnen und Golfern, die «nur» mit einer ASG GolfCard Migros ausgerüstet sind, sind bloss rund 150 im Juniorenalter. «Im Moment unterstützen wir diese vor allem dadurch, dass wir ihnen in den Golfparks bis zu 50 Rabatt gewähren», sagt Beat Künzler, Leiter der ASG GolfCard Migros. «Aber bis in zwei Jahren wollen wir mit einem eigenen Juniorenkonzept kommen. Bis es so weit ist, liegt unser Schwergewicht zudem auf dem ‹Let’s play Golf›-Programm. Bei diesem geht es – getreu unserem Motto ‹Golf für alle› – um den ersten Kontakt zwischen 9- bis 13-jährigen Kids und dem Golfspiel.»


215 Schulklassen mit insgesamt rund 5000 Schülerinnen und Schülern hatten sich dieses Jahr für die Schnuppertage beworben. 80 Klassen mit rund 1800 Kids wurden schliesslich ausgelost und in einen der sieben Golfparks des orangen Riesen eingeladen, wo sie in spielerischer Form den Umgang mit Ball und Schläger ausprobieren konnten.


Aber auch bei der Migros gibt es kein Golf ohne Competition: Die besten zehn «Schnupperer» pro Golfpark dürfen mit ihren Wunschpartnerinnen oder -partnern aus derselben Klasse am grossen Finaltag teilnehmen. Dieses Jahr findet das Schlussbouquet am 20. September im Golfpark Waldkirch statt, und wie immer sind Spielerinnen und Spieler, die bereits ein Handicap haben, nicht zum Event zugelassen. Willkommen sind sie trotzdem – im Rahmenprogramm. Das gilt auch für Fans, Eltern und Lehrpersonen. Auf einer «Skill Area» kann ein kurzer Parcours absolviert werden, und der Schweizer Trickgolfer Andreas Bauer demonstriert, was man mit Ball und Schläger so alles anstellen kann …


«First-come, first-served»


Keine Tricks sind im Spiel, wenn es bei der ASGI um ihre 470 Juniorinnen und Junioren geht. «Wir nehmen dieses Segment sehr ernst», sagt Ursula Göldi. «Im eigentlichen Sinn fördern können wir die Kids allerdings nicht, denn dazu fehlen uns die Strukturen – und zudem verfügen wir ja nicht über eigene Golfplätze. Aber als Beitrag an die Kosten der Juniorenabteilungen schütten wir jedes Jahr gut 200 000 Franken an die Clubs aus.»

 

Rund 40 Vereine konnten vergangenes Jahr von diesem Unterstützungsprogramm profitieren, sagt Göldi. Das Ganze funktioniere nach klaren Regeln: «Die Gesuche der Clubs werden geprüft, und je nachdem erhält ein Verein zwischen 1000 und 4000 Franken. Kriterien sind zum Beispiel die Grösse der Juniorenabteilung, der Breitensportgedanke, die Qualität sowie die Nachhaltigkeit der Programme.»


Unabhängig davon bietet die ASGI drei äusserst beliebte Events speziell für Junioren an: einen Schnuppertag beim Omega European Masters in Crans, ein fünftägiges Juniorencamp und ein Pro-Am mit über 30 Flights, bei dem die Kids mit ihrem Clubpro ein Team bilden. «Von der Nachfrage her müssten wir drei bis vier dieser Camps durchführen», sagt Göldi. «Und auch der Trip nach Crans und das Swiss Junior Pro-Am sind jeweils sofort ausgebucht.»


«First-come, first-served»: Dieses Prinzip, wonach jene zuerst drankommen, die sich zuerst melden, gehört bei den aufgeweckten Kids von heute zur Allgemeinbildung. 

 

 





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